58 Minuten echter Fußball in 90 Minuten: Die Bundesliga trödelt sich ins Abseits

Die längere Nachspielzeit erhöht die Nettospielzeit in der Bundesliga - ein bisschen

58 Minuten echter Fußball in 90 Minuten: Die Bundesliga trödelt sich ins Abseits
IMAGO/STEINSIEK.CH

Die Bundesliga hat ein Problem mit der Zeit. Genauer gesagt: mit der Zeit, in der tatsächlich Fußball gespielt wird. Schiedsrichterboss Knut Kircher präsentierte am Dienstag Zahlen, die auf den ersten Blick nach Fortschritt klingen. Die Nettospielzeit ist auf durchschnittlich 58:29 Minuten gestiegen, knapp eine Minute mehr als in der Vorsaison. Die Nachspielzeit beträgt mittlerweile 9:49 Minuten pro Partie. Klingt nach Bewegung. Ist es auch. Aber reicht das?

Die ehrliche Antwort lautet: Es ist ein Anfang, mehr nicht. Wenn in einem Spiel, das nominell 90 Minuten dauert, der Ball nur knapp über 58 Minuten rollt, dann verbringen die Zuschauer mehr als ein Drittel der regulären Spielzeit damit, Spielern beim Zeitschinden zuzusehen, Torhütern beim gemächlichen Abschlag, Mannschaften beim taktischen Trödeln. Das ist kein Fußball, das ist organisierte Langeweile.

Die längere Nachspielzeit war ein notwendiger Schritt. Die pauschalen Regelungen bei Auswechslungen zeigen Wirkung. Aber sie bekämpfen Symptome, nicht Ursachen. Solange es sich für Mannschaften lohnt, Zeit zu schinden, werden sie es tun. Solange ein Torhüter den Ball zwanzig Sekunden in den Händen halten kann, ohne Konsequenzen zu fürchten, wird er genau das tun. Die Anreize sind falsch gesetzt.

Regeländerungen überfällig

Deshalb ist es richtig, dass das International Football Association Board über weitere Regeländerungen diskutiert. Die Acht-Sekunden-Regel für Torhüter, die auch bei Einwürfen und Abstößen greifen könnte, wäre ein echter Einschnitt. Das Modell der nordamerikanischen Major League Soccer, wo ausgewechselte Spieler das Feld innerhalb von zehn Sekunden verlassen müssen, zeigt, dass konsequente Regeln funktionieren. 99 Prozent der Auswechslungen gehen dort in weniger als zehn Sekunden über die Bühne. Das ist kein Zufall, das ist die Macht klarer Konsequenzen.

Der Fußball steht an einem Scheideweg. Die Konkurrenz um Aufmerksamkeit ist brutal geworden. Streaming-Dienste, Gaming, andere Sportarten – sie alle buhlen um dieselben Zuschauer. Wer glaubt, dass junge Menschen bereit sind, 90 Minuten vor dem Fernseher zu sitzen, um davon nur 58 Minuten echten Sport zu sehen, der hat die Zeichen der Zeit nicht verstanden.

Kircher hat recht, wenn er sagt, dass die Bundesliga nicht die Liga mit der längsten Nachspielzeit ist. Die Premier League liegt vorn. Aber das sollte kein Trost sein, sondern Ansporn. Deutschland war einmal Vorreiter bei Innovationen im Fußball. Die Torlinientechnik, der Videobeweis – beides wurde hier früh eingeführt. Bei der Nettospielzeit hinkt die Bundesliga hinterher.

Die Zahlen aus der Bundesliga sind ein Zwischenstand, keine Erfolgsmeldung. Der Fußball muss schneller werden, konsequenter, ehrlicher. Die Regelhüter haben es in der Hand. Die Frage ist nur, ob sie den Mut haben, wirklich durchzugreifen.