152 Festnahmen, null Konsequenzen – der deutsche Fußball versagt bei Hooligans

Vereine, Verbände und Staat kennen das Problem seit Jahren. Doch statt Lösungen gibt es nur Empörung, Ermittlungen und Vergessen.

152 Festnahmen, null Konsequenzen – der deutsche Fußball versagt bei Hooligans
IMAGO/snowfieldphotography

152 Festnahmen, eine Massenschlägerei auf offener Straße, Strafanzeigen wegen Landfriedensbruchs – und am Sonntagmorgen sind alle wieder auf freiem Fuß. Was nach dem 3:2 zwischen Borussia Dortmund und dem Hamburger SV am Samstagabend in der Dortmunder Innenstadt passierte, war kein spontaner Ausbruch von Emotionen nach einem dramatischen Spiel. Die Polizei selbst sagt: „Wir vermuten, dass das Geschehen verabredet war." Wenn mehrere Hundert Hooligans sich auf der Klönnestraße treffen – abseits der üblichen Busroute vom Stadion zur Autobahn –, dann ist das kein Zufall. Es ist organisierte Gewalt.

Die Dimension macht sprachlos. 152 Personen in Gewahrsam, überwiegend HSV-Fans, aber auch BVB-Anhänger darunter. 81.365 Zuschauer erlebten im ausverkauften Signal Iduna Park ein Spiel, das eigentlich die Geschichte eines bemerkenswerten Comebacks hätte erzählen sollen: Dortmund dreht einen 0:2-Rückstand, Ramy Bensebaini trifft zweimal per Elfmeter, Serhou Guirassy traf zum Ausgleich. Stattdessen dominiert am Tag danach die Gewalt die Schlagzeilen. Und genau hier beginnt das Problem: Die Schlägerei fand nicht im Stadion statt, nicht im Fanblock, nicht auf dem Stadionvorplatz – sondern mitten in der Stadt, wo unbeteiligte Menschen unterwegs sind. Fangewalt ist längst keine Angelegenheit mehr, die sich mit Stadionverboten und Blocksperren einhegen lässt.

Wer trägt die Verantwortung – und was hilft wirklich?

Die unbequeme Frage muss gestellt werden: Welche Verantwortung tragen die Klubs? Der BVB steht sportlich glänzend da – 58 Punkte nach 26 Spieltagen, elf Punkte Polster auf einen Nicht-Champions-League-Platz. Der HSV ist erstmals seit acht Jahren wieder zu Gast im Signal Iduna Park, mit sechs Punkten Vorsprung auf den Relegationsrang stabilisiert unter Trainer Merlin Polzin. Beide Vereine haben große Fanszenen, beide wissen um die Rivalitäten, beide kennen die Risikospiele im Kalender. Die Frage ist: Was haben sie konkret unternommen, um eine verabredete Schlägerei zu verhindern? Und was werden sie jetzt unternehmen – außer den üblichen Pressemitteilungen mit Distanzierungsformeln?

Zur Wahrheit gehört auch: Die bisherigen Maßnahmen sind offensichtlich wirkungslos. Wenn sich Hooligans auf einer Straße verabreden, die nicht einmal auf der regulären Reiseroute liegt, dann haben wir es mit einer Struktur zu tun, die sich bewusst den Sicherheitskonzepten entzieht. Strafanzeigen wegen Landfriedensbruchs klingen nach Konsequenz – doch in der Praxis werden Verfahren eingestellt, Bewährungsstrafen verhängt, und beim nächsten Risikospiel stehen dieselben Leute wieder bereit. Das ist kein Geheimnis. Das wissen die Vereine, das weiß der DFB, das weiß die Politik. Und trotzdem bleibt die Reaktion seit Jahren identisch: Empörung, Ermittlungen, Vergessen.

Was es braucht, ist ein ehrliches Gespräch über die Grenzen der Vereinsverantwortung – und über die Instrumente, die dem Staat zur Verfügung stehen. Personalisierte Tickets, konsequente Stadionverbote mit bundesweiter Durchsetzung, härtere Strafen für organisierte Gewalt im Kontext von Sportveranstaltungen: All das liegt seit Jahren auf dem Tisch. Umgesetzt wird wenig. Denn jede Verschärfung trifft auf den Widerstand einer Fankultur-Debatte, in der die Grenzen zwischen legitimer Kurvenkultur und krimineller Gewalt absichtlich verwischt werden. Seien wir ehrlich: Wer sich auf offener Straße verabredet, um sich zu prügeln, hat mit Fankultur nichts zu tun – und verdient auch keinen Schutz unter diesem Etikett.