ZDF-Doku über Mesut Özil: Wer nur Opfer sieht, verpasst die ganze Wahrheit
Der Sender verspricht eine Erzählung über Identität und Zugehörigkeit. Doch ohne unbequeme Fragen bleibt sie oberflächlich.
Das ZDF kündigt für Mitte März eine dreiteilige Doku-Serie über Mesut Özil an und verspricht, mehr zu liefern als eine Sportdokumentation. Eine filmische Erzählung über Zugehörigkeit, Identität und Ausgrenzung soll es werden, eine Geschichte über Deutschland selbst. Ich bin skeptisch, ob dieser Anspruch eingelöst werden kann, ohne die unbequemen Fragen zu stellen, die der Fall Özil tatsächlich aufwirft.
Mesut Özil war einer der letzten großen Zehner im deutschen Fußball. Weltmeister 2014, Zauberer bei Real Madrid, ein Spieler, dessen Pässe Stadien zum Staunen brachten. Dann kam das Foto mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan vor der WM 2018, und alles kippte. Der öffentliche Aufschrei war gewaltig, der Rücktritt aus der Nationalmannschaft folgte unter schweren gegenseitigen Vorwürfen. An Özil scheiden sich bis heute die Geister – kaum ein Fußballer wurde in Deutschland so gefeiert und hat gleichzeitig so viel Ablehnung erfahren.
Meine Beobachtung ist, dass in der Debatte um Özil beide Seiten es sich zu einfach gemacht haben. Die einen stilisierten ihn zum Opfer eines rassistischen Deutschlands, die anderen reduzierten ihn auf einen naiven Erdogan-Sympathisanten. Beides greift zu kurz. Özil traf eine politische Entscheidung, als er sich mit einem autokratischen Staatschef ablichten ließ. Dass er dafür kritisiert wurde, war legitim. Dass diese Kritik teilweise rassistische Untertöne hatte, war beschämend. Diese Ambivalenz auszuhalten, fällt vielen schwer.
Die Frage ist, ob das ZDF bereit ist, diese Komplexität abzubilden. Eine Doku, die Özil nur als Projektionsfläche für deutsche Integrationsfragen nutzt, ohne seine eigenen Entscheidungen kritisch einzuordnen, wäre eine vertane Chance. Genauso wenig hilft eine Erzählung, die den DFB und die deutsche Öffentlichkeit pauschal als Täter zeichnet. Der Fall Özil ist kein Märchen mit klarer Rollenverteilung.
Was mich an der Ankündigung stört: Die Formulierung, es gehe um eine Geschichte über Deutschland selbst, klingt nach großem Wurf, birgt aber die Gefahr der Selbstüberhöhung. Özils Geschichte ist auch eine Geschichte über einen hochbegabten Fußballer, der in entscheidenden Momenten Entscheidungen traf, deren Konsequenzen er unterschätzte. Sie ist eine Geschichte über einen Verband, der in der Krise versagte. Und sie ist eine Geschichte über eine Öffentlichkeit, die zwischen Bewunderung und Ablehnung keine Zwischentöne mehr kennt.
Ich werde mir die Doku ansehen. Aber ich erwarte keine Antworten, sondern bestenfalls ehrliche Fragen. Die wichtigste davon lautet nicht, ob Deutschland Özil gerecht behandelt hat. Sie lautet, ob wir als Gesellschaft in der Lage sind, über Zugehörigkeit zu sprechen, ohne dabei entweder in Schuldbekenntnisse oder in Abwehrreflexe zu verfallen. Wer das ernst meint, muss aushalten, dass Özil gleichzeitig Opfer und Akteur war – und dass beides stimmen kann.