Woche der krassen News: Julian Nagelsmann dreht auf (links)
Fever Pit'ch-Kolumnist Alex Steudel über das Feuerwerk an Neuigkeiten, das uns der Bundestrainer im Kicker beschert hat
Dies ist die Woche der Eilmeldungen. Und weil das hier eine Fußballkolumne ist, meine ich natürlich Julian Nagelsmann. Der hat dem Kicker eines seiner seltenen Interviews gegeben, worauf alle Berserk gingen. Denn der Bundestrainer tat etwas, was heutzutage unüblich ist: Er feuerte ein Arsenal an News und Ideen ab. Es fehlte am Ende eigentlich nur noch, dass Nagelsmann die Relativitätstheorie relativierte.
Ob
- Einsatz Künstlicher Intelligenz (nutzt er und bewertet Situationen neu, "wenn der Datensatz oder die KI mal was ganz anderes sagt"),
- Leon Goretzka (wird bei der WM "Stand jetzt, trotz weniger Spielzeit bei Bayern, gute Chancen haben, zu spielen"),
- Kölns Said El Mala ("Das ist zu wenig"),
- Lennart Karl ("Struggelt gerade so ein bisschen"),
- Aleksandar Pavlovic und Felix Nmecha (sinngemäß: Es kann nur einen geben),
- Joshua Kimmich (bleibt hinten rechts: "Ich habe elf Sechser auf meiner Liste"),
- die deutsche WM-Gruppe ("Wer da von Losglück spricht, hat in meinen Augen wenig Ahnung von Fußball"),
- Nettospielzeit ("ab der 80. Minute wird gewechselt, verzögert, liegen geblieben. Das ließe sich aus meiner Sicht ändern, wenn bei jeder Unterbrechung die Uhr gestoppt wird"), Zeitstrafen statt Gelb
– die Nachrichtenflut hörte einfach nicht auf.

6524 Wörter lang ist der Interview-Text im Kicker. Meine Begeisterung beim Lesen steigerte sich trotzdem von Minute zu Minute. Auch die Kollegen überschlugen sich und schrieben eine Meldung nach der anderen, um Herr der Überraschungen zu werden, die Nagelsmann parat gehabt hatte. Ich glaube, seit der Bergpredigt wurde nicht mehr so viel aus einem Vortrag gezogen.
Vor allem die Personalien hatten es dermaßen in sich, dass ich einen Augenblick lang die Kontrolle verlor: Als am Dienstagmorgen eine LinkedIn-Mail mit der Info „Sie wurden in 24 Suchen gefunden“ in meinem Postfach lag, erlag ich kurz der irrigen Annahme, womöglich selbst von Nagelsmann nominiert zu werden.
Nur damit keine Missverständnisse entstehen: Ich spotte nicht. Wenn ein Bundestrainer spricht, ist das zwar immer interessant, aber es gab Zeiten, da war es aus eher humoristischen Gründen interessant und kaum verwertbar.
Erich Ribbeck zum Beispiel dozierte während der EM 2000 ewig über seine Frisur und einmal den Kollegen vom Spiegel, der so wenig aus einem langen Gespräch, also Ribbecks wertvoller Zeit gemacht habe. Rudi Völler und Michael Skibbe ermüdeten die Journalisten bei Pressekonferenzen während der WM 2002 wochenlang mit der Gabe, 20 bis 30 Minuten lang nichts Verwertbares zu sagen ("Zum jetzigen Zeitpunkt möchte ich nicht..."). Joachim Löw wirkte meist kontrolliert, sachlich, manchmal spröde – die Highlights waren eher sportlicher Natur. Und Franz Beckenbauer? War sowieso Alleinunterhalter.
Nagelsmann ist ganz anders, eher ein bisschen Klinsi-like. Jürgen Klinsmann brachte US-Trainingsmethoden, Mentalcoaches und Fitnessgurus ins Team, setzte auf Optimismus und Öffentlichkeit. Kommunikativ, emotional und motivierend, wie der Bundestrainer ab 2004 auftrat, hetzte er uns Journalisten von Thema zu Thema, und das "Sommermärchen 2006" war auch sein Werk. Nagelsmann ist ebenfalls überraschend. Wenn man ihn etwas fragt, sagt er meistens genau das, was er gerade denkt, und das ist erfrischend und interessant und oft sehr gut formuliert.
Aber das bringt natürlich alles nichts, wird jetzt mancher sagen, solange einer keine EM oder WM gewinnt. Ich sag' mal so: Im März kann man einfach keine EM oder WM gewinnen.
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