Wirtz trifft! Willkommen in der Premier League, wo Abseits nicht gleich Abseits ist
Sein Tor beim 2:2 des FC Liverpool sorgt gleich zu Jahresbeginn für heftige Diskussionen über Abseitsentscheidungen
Florian Wirtz wusste es selbst am besten. Er jubelte nicht, als der Ball im Netz lag. Der deutsche Nationalspieler war überzeugt, im Abseits gestanden zu haben. Fulham-Trainer Marco Silva sah es genauso. Liverpool-Legende Jamie Carragher verstand die Welt nicht mehr. Und doch zählte das Tor zum 1:1 beim 2:2 gegen Fulham.
Willkommen in der Premier League, wo Abseits nicht gleich Abseits ist.
Was in England passierte, hätte in Deutschland, Spanien oder Italien zum Pfiff geführt. Die TV-Bilder legten eine Abseitsstellung nahe, die Bundesliga hätte das Tor annulliert. Dort entscheidet das halbautomatische System millimetergenau. Jede Zehenspitze, jede Schulter, jeder noch so minimale Vorsprung wird erfasst und geahndet. Die Technologie als unbestechlicher Richter.
Die Premier League tickt anders. Bei der Einführung des Systems entschied man sich bewusst für eine Toleranzzone. Im Zweifel für den Angreifer. Der Grund: Restzweifel an der Fehlerfreiheit der Technologie. Man wollte nicht, dass Tore wegen möglicherweise ungenauer Messungen aberkannt werden. Ein nachvollziehbarer Gedanke, der allerdings zu genau solchen Szenen führt wie beim Wirtz-Treffer.
Die Debatte, die nun entbrennt, ist berechtigt. Denn sie offenbart ein grundsätzliches Problem des modernen Fußballs: Es gibt keine einheitliche Linie. Was in München Abseits ist, kann in Manchester ein reguläres Tor sein. Dieselbe Szene, dieselbe Technologie, unterschiedliche Ergebnisse. Für Spieler, Trainer und Fans ist das schwer vermittelbar.
Kurioserweise hatte der deutsche Schiri-Chef Knut Kircher fast zeitgleich im Kicker-Interview betont, dass er keine Veranlassung zu einer Regeländerung oder einer anderen Auslegung des Videobeweises sieht, auch nicht bei Millimeter-Entscheidung. Er sagt nicht zu Unrecht: "Rein regeltechnisch gibt es beim Abseits nun mal keine Toleranz." Abseits ist halt Abseits.
Abseits-Auslegung: In England ist das anders
Wirtz profitierte von dieser englischen Eigenart und durfte seine aufsteigende Form bei Liverpool unterstreichen. Das Liverpool Echo bewertete seine Leistung mit einer 7 von 10. Zum Sieg reichte es für die Reds dennoch nicht. Nach Cody Gakpos Führungstreffer in der vierten Minute der Nachspielzeit traf Harrison Reed in der siebten Minute der Nachspielzeit zum Ausgleich für Fulham. Wirtz saß da bereits auf der Bank, ausgewechselt in der 76. Minute.
Die eigentliche Frage aber bleibt: Welcher Ansatz ist der richtige? Die deutsche Variante mit ihrer vermeintlichen Präzision, die Tore wegen Zentimetern streicht? Oder die englische Toleranz, die im Zweifel den Fußball spielen lässt?
Beide Systeme haben ihre Berechtigung. Beide haben Schwächen. Aber eines sollte selbstverständlich sein: Einheitlichkeit. Wenn der internationale Fußball mit derselben Technologie arbeitet, sollten auch dieselben Regeln gelten. Alles andere ist dem Wettbewerb nicht würdig.
Wirtz hat sein Tor bekommen. Verdient oder nicht, darüber lässt sich streiten. Dass er selbst nicht daran glaubte, sagt eigentlich alles.