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Wer kann diesen Yamal stoppen?

Er ist mit 16 schnell, wendig und aus der spanischen EM-Elf nicht mehr wegzudenken. Eine undankbare Aufgabe für Deutschland im EM-Viertelfinale

Lamine Yamal ist mit 16 schnell, wendig - und kaum aufzuhalten. Foto: Imago / AOP.Press
Lamine Yamal ist mit 16 schnell, wendig - und kaum aufzuhalten. Foto: Imago / AOP.Press

Inhaltsverzeichnis

Bei jedem Turnier habe ich ein festes Ritual: Sobald der deutsche Gegner feststeht, schaue ich mir die Länderspiel-Bilanz auf der DFB-Website an. Die listet alle Duelle und Anlässe übersichtlich und korrekt auf. Am Sonntag das gleiche Spiel: Spanien 4:1 gegen Georgien, damit Gegner am Freitag im EM-Viertelfinale, also DFB-Website. Was ich sah, machte mir angst und bange.

Der letzte deutsche Sieg über Spanien bei einer Europameisterschaft liegt 36 Jahre zurück. Richtig gelesen: 36! Bei der Heim-EM 2:0 in der Vorrunde. Damit wir den Zeitraum einordnen können: Damals stand noch die Mauer… Blick auf die Bilanz bei Weltmeisterschaften: Der letzte Sieg gelang 1982 in der WM-Vorrunde. Das ist sogar 42 Jahre her. 

Jetzt klar, warum ich Schlimmstes befürchte?

Berufsoptimisten werden einwerfen, dass die Sportgeschichte kaum Aussagen auf die Aktualität erlaubt. Das ist richtig. Schauen wir also auf die Aktualität. Spanien bei dieser EM: vier Spiele, vier Siege, 9:1 Tore - kein Gegner erzielte gegen Spanien ein Tor. Der eine Gegentreffer war ein Eigentor. Aber die Statistik ist nicht das Entscheidende.

Ich habe mir die Spanier bei ihrem 4:1 im EM-Achtelfinale gegen Georgien genauer angesehen. Wie Nico Williams und Lamine Yamal über die linke und rechte Außenbahn Druck aufbauen. Wie in der Mitte haufenweise Kollegen das Zuspiel erwarten. Wie der Angriff ständig Positionen rotiert und Gegenspieler ermüdet. Das war: moderner Fußball. Erfrischend, flexibel, erfolgreich.

Ja, die deutsche Bilanz bei diesem Turnier lässt sich sehen: drei Siege und ein Unentschieden, 10:2 Tore. Der Einzug ins EM-Viertelfinale ist der größte Turniererfolg seit acht Jahren. Bundestrainer Julian Nagelsmann hat ein stabiles Mannschaftsgerüst gebaut, das nicht nur dem Donnerwetter in Dortmund trotzte, sondern auch dem dänischen Sturm. Aber Spanien wird der größte Härtetest.

Manche sagen sogar: das vorgezogene Endspiel. Das ist wohl so. Aber ich möchte meinem Reflex zur Schwarzmalerei keinen Millimeter Freiraum schenken. Schon 2016 hat Deutschland die für sie scheinbar unbesiegbaren Italiener im EM-Viertelfinale geputzt. (Im Elfmeterschießen, wir erinnern uns.) Ich baue mir deshalb eine eigene Liste mit Argumenten pro Nagelsmann-Truppe.

  • Das Stadion: Stuttgart ist ein gutes Pflaster für die deutsche Nationalmannschaft. Die Stimmung: so gut und prägend wie in Dortmund. Die Bilanz: pro Deutschland. Von 35 Länderspielen dort hat der DFB nur acht verloren. Und das Beste: noch nie gegen Spanien. 1973 gab’s ein 2:1 und 2020 in der Nations League ein 1:1 - in der Pandemie ohne Zuschauer. Aber man weiß, was Stuttgart mit Zuschauern bewirken kann: In der EM-Vorrunde gewann dort Deutschland 2:0 gegen Ungarn.
  • Das Momentum: Manchmal entscheidet ein Zentimeter über den weiteren Turnierverlauf: Im Dänemark-Spiel verhinderte eine Zehenspitze im Abseits den Rückstand im K.o.-Spiel. Im Gegenzug fiel das Führungstor durch eine Millimeterentscheidung bei einem Handspiel im Strafraum. Man nennt das: Spielglück. Man hört dieses Wort in diesen Tagen häufig. Deutschland hat dieses Spielglück offenbar. Und hat es hoffentlich noch nicht aufgebraucht.
  • Lernkurve: Schottland, Ungarn, Schweiz, Dänemark - von Spiel zu Spiel wurden die Herausforderungen bei dieser EM größer, das deutsche Spiel ist daran gewachsen. Bundestrainer Nagelsmann wagte Anpassungen (Leroy Sané für Florian Wirtz), egalisierte Gelbsperren vortrefflich (Nico Schlotterbeck für Jonathan Tah), reagierte in Krisenmomenten goldrichtig (David Raum und Niclas Füllkrug zum Ausgleich gegen die Schweiz eingewechselt).
  • Toni Kroos: Wenn die Spanier einen deutschen Spieler fürchten, dann ihn: den Mann, der mit Real Madrid fünfmal die Champions League gewonnen hat. Sie werden Toni Kroos im Mittelfeld mit Mann und Maus bewachen wollen. Das schwächt einerseits ihr eigenes Aufbauspiel und eröffnet Deutschland andererseits Räume neben Kroos. Vielleicht wäre hier Pascal Groß hilfreicher als Robert Andrich: Er ist mehr Gestalter als Zerstörer.
  • Der schlafende Riese: Deutschland hat bisher eine saubere EM gespielt, aber noch nicht jeder Spieler sein Potenzial abgerufen. Zum Beispiel Leroy Sané. Das Spanien-Spiel ist seine Chance: Der Gegner wird aus Tradition Ballbesitz beanspruchen und Konter anbieten. Es kann laufen wie beim Schlotterbeck-Pass aus Musiala beim 2:0 gegen Dänemark: Sané muss halt sein Tempo nutzen und endlich einen Torschuss wagen. Er kann’s doch. Das wissen wir.
  • Überraschungsmoment: Die Spanier haben bei diesem Turnier noch keinen Krisenmoment erlebt. Der zwischenzeitliche Rückstand gegen Georgien war eine Lappalie, ein Betriebsunfall. Wenn Deutschland aber führt und in der Abwehr stabil steht, fehlt nicht viel zur Panik-Attacke beim Gegner. Spanien hat eine junge und erfolgsverwöhnte Mannschaft (Durchschnittsalter im Mittelfeld 24,9 Jahre), Deutschland eine erfahrenere Truppe (im Schnitt 28,6 Jahre).

Auf meiner abschließenden Spurensuche stoße ich übrigens auf eine weitere Statistik. Aus deutscher Sicht gingen Spanien-Länderspiele in der Bilanz so aus: neun Siege, neun Niederlagen, acht Unentschieden. Mehr Ausgeglichenheit geht nicht. Ich sehe das jetzt mal positiv und freue mich auf ein gigantisches Duell am Freitag. Ein bisschen bange darf man sein.

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