Warum Amiris Wechsel vom Titelkandidaten in den Abstiegskampf Respekt verdient
Er verließ den künftigen Meister für den Abstiegskampf. Im durchökonomisierten Fußball ist das eine Entscheidung, die kaum noch jemand wagt.
Nadiem Amiri sagt, er wollte mit seinem Wechsel "Eier zeigen". Ich muss zugeben: Dieser Satz hat mich zunächst irritiert. Ein Nationalspieler verlässt im Januar 2024 freiwillig den Bundesliga-Tabellenführer Bayer Leverkusen, der auf Triple-Kurs liegt, für einen Klub im akuten Abstiegskampf. Und nennt das Mut. Meine erste Reaktion war Skepsis. Meine zweite: Respekt.
Denn Amiri hat etwas getan, was im durchökonomisierten Profifußball selten geworden ist. Er hat gegen die Logik des Marktes entschieden. Leverkusen stand vor dem historischen Double, die Europa League war in Reichweite. Wer dort bleibt, sammelt Titel, Prämien, Aufmerksamkeit. Wer geht, riskiert alles. Amiri ging trotzdem. Nicht zu einem größeren Klub, nicht für mehr Geld, sondern nach Mainz, wo es ums nackte Überleben ging.
Die Frage, die sich mir stellt: War das naiv oder weitsichtig? Die Antwort liegt in dem, was danach passierte. Amiri wurde in Mainz zum Führungsspieler. Er übernahm Verantwortung, als andere sich wegduckten. Unter Bo Henriksen feierte er den Klassenerhalt, und wenn er sagt, er habe diesen ausgelassener gefeiert als er es mit dem Double hätte tun können, dann glaube ich ihm das. Denn es war sein Erfolg, nicht der eines übermächtigen Kollektivs.
Was mich an dieser Geschichte fasziniert, ist die Umkehrung der üblichen Karrierelogik. Im Fußball gilt: Wer Titel will, geht zu den Großen. Wer Spielzeit will, geht eine Liga tiefer. Amiri hat beides ignoriert. Er suchte nicht den einfachsten Weg zum Erfolg, sondern den Weg, auf dem er sich beweisen konnte. Das ist ein Unterschied, den viele Spieler nicht verstehen.
Dass er inzwischen wieder regelmäßiger Bestandteil der Nationalmannschaft ist und die WM im Sommer anpeilt, könnte seinen ungewöhnlichen Schritt nachträglich rechtfertigen. Könnte. Denn noch ist nichts entschieden. Eine Fersenverletzung bremst ihn aktuell, und Julian Nagelsmann hat im Mittelfeld genug Optionen. Aber Amiri bringt etwas mit, das nicht jeder hat: die Erfahrung, unter Druck zu bestehen, wenn es wirklich zählt.