Wann hört der Amateurfußball auf, sich kleinzumachen?

Der Breitensport schafft Milliardenwerte und Zusammenhalt. Doch Politik und Gesellschaft behandeln ihn, als wäre er ein Luxusproblem, meint Gerd Thomas.

Wann hört der Amateurfußball  auf, sich kleinzumachen?
Foto: privat

Eine Kolumne über Amateurfußball, die mit einem Social-Media-Beitrag zur Energiewende beginnt? Klingt schräg, aber nur auf den ersten Blick. Denn unter dem Post stand dieser Kommentar:

„Das Spannungsfeld zwischen steigenden Investitionsbedarfen und begrenztem Kapital beschreibt die Realität, in der sich Kommunen bewegen. Transformation gelingt nur, wenn sie finanzierbar bleibt – und wenn es gleichzeitig gelingt, Akzeptanz bei Bürgerinnen und Bürgern zu sichern. Umso wichtiger ist es, neue Finanzierungswege offen zu diskutieren und kommunale sowie private Perspektiven klug miteinander zu verbinden.“

Wenn das für die Energiewende gilt – warum nicht für den Sportstättenbau?

Breitensport ist keine politische Nebensache

Breitensport ist kein Freizeitluxus, er ist Infrastruktur – volkswirtschaftlich so relevant wie Straßen oder Schulen. Der Deutscher Olympischer Sportbund meldet über 29 Millionen Mitgliedschaften in 86.000 Vereinen. Man stelle sich vor, ein Viertel davon würde sich nicht mehr regelmäßig bewegen. Die Wartezimmer wären voller, die Gesundheitskosten höher, der gesellschaftliche Zusammenhalt schwächer.

Im Fußball allein verzeichnet der DFB mehr als acht Millionen Mitgliedschaften. Zieht man passive Mitglieder und Profifans ab, bleiben rund 2,5 Millionen Aktive – plus unzählige Hobbykicker und Schul-AGs.

Laut dem Institut YouGov werden über zehn Millionen Menschen direkt oder indirekt durch den Amateurfußball mobilisiert. Die wirtschaftliche und soziale Wertschöpfung liegt laut Studien bei rund 15 Milliarden Euro pro Jahr – mehr als ein Drittel der gesamten Wirtschaftsleistung von Land-, Forst- und Fischerei in Deutschland. Und das allein durch organisierten Breitenfußball.

Ehrenamtliche als Bittsteller – ein Systemfehler

Wer solche Werte schafft, Integration leistet, Gesundheit fördert und Ehrenamt organisiert, sollte kein Bittsteller sein. Und doch gibt sich der Amateurfußball oft so. Das ist der eigentliche Systemfehler: Er präsentiert sich als Problemverwalter, ist aber längst Zukunftsgestalter.

Ehrenamtliche sollten nicht um neue Sportanlagen oder deren Sanierung betteln müssen. Politik und Verwaltung müssten freudstrahlend auf sie zugehen – und sich nicht nur im Wahlkampf bedanken. Denn die Engagierten tragen maßgeblicher zum Gelingen in den Sozialräumen bei.

Stattdessen: Vertröstungen, genervte Reaktionen, verschleppte Planungen. Und die Reaktion des Sports? Zu oft Schulterzucken, häufig Frustration bis hin zum Rückzug von Ehrenamtlichen.

Viele Vereine führen Wartelisten mit Hunderten Kindern, manche mit über 500 Anfragen für Aufnahme in einem Team. Gleichzeitig klagen wir Einsamkeit, Depressionen, Bewegungsmangel, Übergewicht junger Menschen. Der Amateurfußball hat kein Nachfrageproblem, sondern ein Anerkennungsproblem – in Politik, Verwaltung, Medien und öffentlicher Wahrnehmung.

Zeit für eine Wende im Denken und Handeln

Die stetig an Bedeutung verlierenden Landwirte haben gezeigt, wie man sich Gehör verschafft. Die Politik knickte innerhalb weniger Tage ein, auch weil der Protest entschlossen geführt wurde. Warum schafft das der organisierte Sport nicht?

Warum kein Jugendtraining auf öffentlichen Plätzen, einer Verkehrskreuzung im Stadtteil oder auf einer Autobahnauffahrt? In Berlin-Schöneberg gibt es davon mehr als Sportplätze. Statt stinkendem Mist würden wir das Wertvollste, was wir haben, auf die Straße bringen: Kinder, Jugendliche, Ehrenamtliche – unsere Zukunft.

Vielleicht ist jetzt der Moment, über andere Modelle nachzudenken. Wenn sich Kommunen und Private bei der Energiewende zusammentun, warum nicht auch beim Sportstättenbau? Neue Finanzierungsmodelle, offener Dialog, geteilte Verantwortung – das wäre ein Anfang.

Vielleicht beginnt die Wende aber vor allem damit, dass der Sport endlich aufhört, sich kleiner zu machen, als er ist.