Schon wieder der falsche Fokus bei einem großen Turnier?

Warum es falsch ist, schon wieder Diskussionen darüber zu führen, ob man politische Diskussionen bei zur bzw während WM in den USA führen darf.

Schon wieder der falsche Fokus bei einem großen Turnier?
IMAGO/NurPhoto

Von Cedric Höppner

Natürlich entspricht das politische Geschehen in den USA nicht dem, womit man bei der Vergabe auf den nordamerikanischen Kontinent gerechnet hat. Nach Russland und Katar hat man sich auf das erste, "normale" Großturnier seit Brasilien gefreut. Dem hat bereits Gianni Infantino einen Strich durch die Rechnung gemacht, indem er das Teilnehmerfeld kurzerhand noch einmal deutlich vergrößert, den Modus verkompliziert und die Leistungsdichte verwässert hat.

Der gesellschaftspolitische Zustand in den Vereinigten Staaten tut inzwischen sein Übriges, um zumindest mit Stirnrunzeln auf den großen Gastgeber neben den Co-Hosts Kanada und Mexiko zu blicken. Das Land wird wird zerrissen von harten, oftmals nicht nachvollziehbaren Entscheidungen der Legislative und noch fragwürdigerem Umsetzen der Exekutive. Daher ist es nur folgerichtig, dass nun schon wieder öffentlich und sicherlich auch DFB-intern diskutiert wird - mal wieder - wie man damit umgehen kann, sollte, müsste, wird... Zeitlose Klassiker wie "Ignorieren oder Zeichen setzen?", "Fokussieren oder Haltung zeigen" stehen an.

Zwangsläufig drängen sich unbequeme Erinnerungen an die Winter-WM 2022 auf, als es rund um Gastgeber Katar eine vergleichsweise laute Debatte um Sportswashing und Menschenrechte gab. Doch sind wir mal ganz ehrlich: das spottet jeder Erwähnung Hohn! Ein Spieler spielt keinen Fehlpass, steht falsch im Positionsspiel oder trifft den Ball nicht, nur weil es bei der PK am Vortag ein paar kritische Fragen von Journalisten gab und im besten Fall auch ein paar ehrliche Antworten der Spieler.

Im Wüstenstaat sind wir ausgeschieden, weil der Trainer nicht gepasst hat und überfordert war mit kurzfristigen Anpassungen. Wir hatten in drei Vorrundenspielen unter Flick vier verschiedene Rechtsverteidiger. Deutlicher kann man nicht ausdrücken, wie wenig es dem Nachfolger von Jachim Löw bei seinem ersten Turnier in der Verantwortung, gelungen ist, eine Mannschaft zu finden.

Und in der Graugans-Doku die ein Jahr später rauskam, hat man gesehen, dass Flick nicht einmal die Ausstrahlung hatte mit seinen Motivationsreden die Spieler zu erreichen. Für ihn ging keiner auf den Platz um zu kämpfen, für ihn hat sich kein Grüppchen zusammengerauft. Den ebenso hatte er merklich keinen Respekt in der Truppe. Während der heutige Barca-Trainer eine taktische Besprechungen abhielt, haben die Spieler untereinander geschwätzt und gekichert, Julian Brandt kam sogar zu spät. Auch das spricht für sich.

Wer da nicht anfängt zu analysieren und das meiste nur auf die vermeintlichen Ablenkungen schiebt, hat es einfach immer noch nicht verstanden. Doch leider sieht man genau dieses Muster beim DFB und in der Sorge, dass sich diese Blauäugigkeit wiederholt, sollte man gewarnt sein davor, schon wieder einen falschen Fokus zu setzen. Das Problem sind nicht vermeintliche Ablenkungen neben dem Platz. Das Problem ist vielmehr die Bereitschaft, sie als willkommene Ausrede anzunehmen, um sich nicht eingestehen zu müssen, dass punktuell, vielleicht doch die nötige Qualität fehlt.

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