Schlotterbeck fliegt vom Platz – und der Schiedsrichter kann es nicht erklären
Wer Macht ausübt, muss sie rechtfertigen können. Das Kommunikationsdefizit im Schiedsrichterwesen ist dem Profifußball nicht würdig.
Ein Schiedsrichter zeigt einem Spieler die Rote Karte und kann ihm danach nicht erklären, warum. Das ist kein Detail aus der Kreisliga, das ist Champions League, Play-off zum Achtelfinale, Borussia Dortmund bei Atalanta Bergamo. Und ich frage mich: Was genau läuft hier eigentlich schief?
Nico Schlotterbeck beschreibt die Szene so: Er saß auf der Bank, stand auf, als sich Atalanta-Spieler lautstark beim Schiedsrichter beschwerten, und forderte sie auf, sich wieder hinzusetzen. Keine Beleidigungen, keine Respektlosigkeit, behauptet er. Dann Rot. Und selbst nach Spielende konnte ihm Schiedsrichter José María Sánchez Martínez offenbar nicht sagen, was genau das Vergehen war.
Trainer Niko Kovac rätselt mit. Seine Vermutung: Schlotterbeck habe möglicherweise den eigenen Bereich verlassen und sei in die Coaching-Zone des Gegners geraten. Das wäre ein Regelverstoß, ja. Aber rechtfertigt das eine Rote Karte? In einem Moment, in dem zehn Gegenspieler gleichzeitig auf den Referee einreden? Die Verhältnismäßigkeit dieser Entscheidung erschließt sich mir nicht.
Ich habe ein grundsätzliches Problem mit Schiedsrichtern, die Entscheidungen treffen, die sie selbst nicht begründen können. Wer auf diesem Niveau pfeift, muss in der Lage sein, seine Urteile zu erklären. Nicht erst nach Videoanalyse, nicht erst nach Rücksprache mit dem Verband, sondern direkt. Ein Spieler hat das Recht zu wissen, warum er vom Platz fliegt. Ein Trainer hat das Recht zu verstehen, warum sein Verteidiger, auch wenn er verletzungsbedingt nicht spielte, plötzlich auf der Tribüne sitzt.
Was mich an dieser Szene besonders stört: Sie steht exemplarisch für eine Entwicklung, die ich seit Jahren beobachte. Schiedsrichter agieren zunehmend wie unangreifbare Autoritäten, deren Entscheidungen nicht hinterfragt werden dürfen. Gleichzeitig fehlt es an Transparenz und Kommunikation. Das passt nicht zusammen. Wer Macht ausübt, muss sie rechtfertigen können.
Dortmund ist aus der Champions League ausgeschieden, 1:4 in Bergamo, das Ergebnis ist eindeutig genug. Aber diese Rote Karte bleibt ein Ärgernis, das über das Sportliche hinausgeht. Sie offenbart ein Kommunikationsdefizit im Schiedsrichterwesen, das dem Profifußball nicht würdig ist.