Schiri-Boss verteidigt Zentimeter-Regel – und verkennt, was dem Fußball schadet
Knut Kircher lehnt Abseits-Toleranz ab und vertraut der Technologie und nicht dem Fußball-Instinkt
Knut Kircher hat recht. Und er liegt trotzdem falsch. Der Geschäftsführer der DFB Schiri GmbH argumentiert sauber, wenn er im Kicker sagt, dass es beim Abseits regeltechnisch keine Toleranz gibt. Ein Zentimeter ist Abseits, zwei Zentimeter sind Abseits, vier Zentimeter erst recht. Die Regel kennt kein Ungefähr.
Wer das System mit einem Toleranzbereich von fünf Zentimetern ausstatten würde, verschiebt nur die Grenze, an der sich die nächste Diskussion entzündet. Der Benachteiligte würde dann eben bei 4,9 Zentimetern protestieren. Logisch betrachtet ist Kirchers Position unangreifbar.
Aber Logik allein macht noch keinen guten Fußball.
Die Premier League geht einen anderen Weg. Dort gibt es eine gewisse Toleranz, die im Zweifel zugunsten des Angreifers ausgelegt wird. Der Grund dafür ist bemerkenswert ehrlich: Restzweifel an der Fehlerfreiheit der Technologie. Die Engländer gestehen ein, was die Deutschen nicht wahrhaben wollen – dass auch halbautomatische Systeme keine absolute Wahrheit liefern, sondern nur eine sehr präzise Annäherung an die Realität.
Was nach Fortschritt klingt, ist Technologie-Gläubigkeit
Kircher sagt, man müsse die Technik so genau wie möglich nutzen. Das klingt nach Fortschritt, ist aber in Wahrheit ein Rückschritt ins Zeitalter der Technologie-Gläubigkeit. Denn die Frage ist nicht, ob wir Zentimeter messen können. Die Frage ist, ob wir es sollten.
Der Fußball lebt von Emotionen, von Toren, von der Freude über einen Treffer. Wenn diese Freude regelmäßig durch Linien zerstört wird, die das menschliche Auge nicht erkennen kann, dann stimmt etwas nicht mit dem Verhältnis von Regel und Spiel. Kircher selbst räumt ein, dass er nachvollziehen kann, wenn jemand sagt: Früher war das gleiche Höhe – und viel schöner.
Genau hier liegt der Punkt. FIFA-Präsident Gianni Infantino hat eine Reform ins Spiel gebracht, bei der ein Spieler vollständig vor dem Verteidiger stehen müsste, um als abseits zu gelten. Das wäre eine echte Veränderung, keine kosmetische Korrektur. Das International Football Association Board wird sich im Januar in London damit befassen.
Kircher verteidigt den Status quo mit juristischer Präzision. Aber der Fußball braucht keine Juristen, er braucht Menschen, die verstehen, dass ein Spiel mehr ist als die Summe seiner Regeln. Die Bundesliga sollte den Mut haben, die englische Lösung zumindest zu diskutieren. Nicht weil sie perfekt ist, sondern weil sie anerkennt, dass Perfektion im Fußball eine Illusion ist.
Die Technik ist ein Werkzeug. Sie sollte dem Spiel dienen, nicht umgekehrt.