San Siro vor dem Abriss: Mailand opfert sein Fußball-Heiligtum für einen Neubau
Das historische Meazza-Stadion in Mailand steht vor dem Abriss.
Lothar Matthäus nennt das Stadio Giuseppe Meazza sein Wohnzimmer. Man muss kein Sentimentalist sein, um zu verstehen, was er meint. Wer in San Siro gespielt hat, wer dort gewonnen oder verloren hat, der trägt diesen Ort mit sich. Jetzt steht fest: Nach der Eröffnungsfeier der Olympischen Winterspiele am Freitag beginnt der Countdown für eines der bedeutendsten Fußballstadien der Welt. Mit der Eröffnung des Neubaus zur EM 2032 soll das Meazza abgerissen werden.
Fast hundert Jahre Fußballgeschichte werden dann zu Staub zerfallen. Das ist keine Übertreibung, das ist die nüchterne Wahrheit. Die WM 1934, die EM 1980, die WM 1990 – San Siro war Bühne für die größten Momente des europäischen Fußballs. Vier Champions-League-Finals fanden hier statt, darunter jenes von 2001, als Oliver Kahn den FC Bayern im Elfmeterschießen zum Titel hielt. Olaf Thon erinnert sich an die Tränen der Schalker Euro-Fighter 1997, als 20.000 Menschen in Königsblau den UEFA-Cup-Triumph feierten. Solche Geschichten lassen sich nicht in einen Neubau verpflanzen.
Die Fußballoper in Mailand: Ort für Kunst und Geschichte
Die Italiener nennen ihr Stadion "La Scala del Calcio", die Fußballoper. Der Vergleich ist nicht übertrieben. Wie die Mailänder Scala für die Musik steht San Siro für den Fußball: ein Ort, an dem Kunst entsteht, an dem Emotionen explodieren, an dem Geschichte geschrieben wird. Fabio Capello, die Milan-Legende, bringt es auf den Punkt: San Siro bedeutet Geschichte, bedeutet Leben.
Was bleibt, wenn das Stadion fällt? Die elf Spiraltürme, die bei der Renovierung zur WM 1990 entstanden, sind längst zu Ikonen geworden. Wenn die Fans an Spieltagen die Rampen hinaufsteigen, wirkt es, als drehten sich überdimensionale Schrauben in den Himmel. Diese Architektur ist unverwechselbar, sie gehört zu Mailand wie der Dom oder die Galleria Vittorio Emanuele.
Natürlich lässt sich argumentieren, dass moderne Stadien mehr Komfort bieten, bessere Sichtlinien, höhere Einnahmen. Das stimmt alles. Aber Fußball ist mehr als eine Bilanz. Fußball lebt von Erinnerungen, von Geschichten, von Orten, die größer sind als das Spiel selbst. San Siro ist so ein Ort.
Die Entscheidung für den Abriss ist gefallen, daran wird sich nichts mehr ändern. Aber man darf trauern. Man darf festhalten, dass hier etwas verschwindet, das sich nicht ersetzen lässt. Lothar Matthäus hat recht: Niemand schaut gerne dabei zu, wie sein Zuhause demoliert wird. Und San Siro war für Generationen von Fußballfans genau das – ein Zuhause.