Neue Fußballregeln: Wenn der Videoraum wichtiger wird als der Schiedsrichter
Das IFAB will Zeitspiel bekämpfen und erweitert die VAR-Macht. Doch wer kontrolliert künftig das Spiel – der Referee oder ein Bildschirm in Zürich?
Fünf Sekunden für einen Einwurf. Zehn Sekunden, um das Spielfeld zu verlassen. Eine Minute Wartezeit nach einer Behandlung. Was das International Football Association Board am Samstag in Wales beschlossen hat, klingt nach Effizienzoptimierung im Minutentakt. Meine erste Reaktion: Endlich packt jemand das Zeitspiel an. Meine zweite Reaktion: Wer kontrolliert hier eigentlich wen?
Die neuen Regeln, die ab Juni gelten und damit schon bei der WM in den USA, Mexiko und Kanada zum Einsatz kommen, erweitern die Macht der Video-Assistenten erheblich. Künftig dürfen sie auch Eckball-Entscheidungen überprüfen, die zweite Verwarnung bei Gelb-Rot sowie Verwechslungen bei Karten. Das klingt vernünftig, denn nichts ist ärgerlicher als ein Tor nach einer falschen Ecke.
Schiri-Legende Pierluigi Collina argumentiert, dass die zehn bis fünfzehn Sekunden bis zur Ausführung ohnehin für eine schnelle Überprüfung reichen. Technisch mag das stimmen. Aber ich frage mich, ob wir den VAR damit nicht endgültig zum heimlichen Spielleiter machen.
Was zählt, ist auf'm Platz?
Die Zeitlimits gegen Spielverzögerungen treffen einen wunden Punkt. Jeder, der in den letzten Jahren Fußball geschaut hat, kennt die Szenen: Torhüter, die den Ball streicheln wie ein Haustier. Spieler, die bei Auswechslungen im Schneckentempo vom Platz schleichen. Die Acht-Sekunden-Regel für Torhüter existiert bereits seit Saisonbeginn, jetzt kommen weitere Zeitvorgaben hinzu. Das Ziel ist klar: mehr Netto-Spielzeit, weniger taktisches Trödeln. Ich halte das für überfällig. Die Frage ist nur, ob Schiedsrichter diese Regeln auch konsequent durchsetzen werden – oder ob sie im Ernstfall vor dem Druck der großen Klubs einknicken.
Was mich nachdenklich stimmt, ist die Machtarchitektur hinter diesen Entscheidungen. Die FIFA hält vier von acht Stimmen im IFAB, die vier britischen Verbände teilen sich den Rest. Für Änderungen braucht es eine Dreiviertelmehrheit, aber die Einigung erfolgt meist schon vor der Versammlung. Überraschungen sind selten, Widerspruch noch seltener. DFB und DFL werden die Regeln übernehmen, das steht außer Frage. Die Fußballwelt folgt, was Zürich vorgibt.
Ich sehe in diesem Paket einen Trend, der über einzelne Regeländerungen hinausgeht. Der Fußball wird immer stärker durchgetaktet, kontrolliert, optimiert. Das mag die Netto-Spielzeit erhöhen und manche Ungerechtigkeit verhindern. Aber es macht den Sport auch berechenbarer, technokratischer. Die Spontaneität, die Reibung, das Chaos – all das, was Fußball auch ausmacht – wird Stück für Stück wegreguliert.