Nagelsmanns Reform-Ideen klingen gut, würden den Fußball aber amerikanisieren

Der Bundestrainer will mehr Kontrolle, Zeitstrafen und Trinkpausen. Doch genau die begrenzte Einflussnahme macht diesen Sport besonders.

Nagelsmanns Reform-Ideen klingen gut, würden den Fußball aber amerikanisieren
IMAGO/MIS

Er habe tausend Ideen, sagt Bundestrainer Julian Nagelsmann. Nettospielzeit ab der 80. Minute, Zeitstrafen statt Gelber Karten, Trinkpausen als taktisches Werkzeug. Ich höre das und denke: Endlich redet mal einer Klartext über die Schwächen des Spiels. Aber ich frage mich auch: Meint der Bundestrainer wirklich ernst, was er da eigentlich fordert?

Nagelsmanns Diagnose ist richtig. Die letzten zehn Minuten eines knappen Spiels sind oft unerträglich. Wechsel, Verzögerungen, theatralisches Liegenbleiben. Das nervt Fans, das nervt Trainer, das nervt jeden, der Fußball als Sport und nicht als Zeitschinderei begreift. Die Idee, ab der 80. Minute bei jeder Unterbrechung die Uhr anzuhalten, klingt simpel und effektiv. Sie würde das Spiel ehrlicher machen.

Doch hier beginnt mein Unbehagen. Nagelsmann denkt vom Trainer aus, nicht vom Spiel. Seine Begeisterung für die WM-Trinkpausen verrät das. Er vergleicht Fußball mit Handball, Basketball, American Football und beklagt, dass er als Coach während der 45 Minuten kaum Einfluss nehmen könne. Das sei Schwachsinn, sagt er.

Ich sehe das anders. Genau diese begrenzte Einflussnahme macht Fußball aus. Elf Spieler müssen auf dem Platz selbst Lösungen finden. Das unterscheidet diesen Sport von durchgetakteten Showveranstaltungen mit Auszeiten im Minutentakt. Wenn Nagelsmann mehr Zugriff will, dann will er einen anderen Fußball. Einen, der dem amerikanischen Sportmodell näherkommt, mit Werbepausen, Coachingfenstern und permanenter Unterbrechung.

Die Zeitstrafe bei taktischen Fouls ist da schon interessanter. Nagelsmanns Argument leuchtet ein: Wenn Mannschaft A einen Konter von Mannschaft B brutal stoppt, kassiert der Übeltäter vielleicht seine fünfte Gelbe und fehlt gegen Mannschaft C. Mannschaft B habe davon nichts. Eine Zeitstrafe würde den Schaden dort begleichen, wo er entsteht. Das wäre gerechter.

Aber auch hier steckt ein Systembruch. Fußball lebt davon, dass elf gegen elf spielen. Überzahlsituationen auf Zeit wie im Eishockey würden das Spiel radikal verändern. Ob zum Besseren, weiß niemand. Nagelsmann selbst räumt ein, dass er es mit Veränderungen nicht übertreiben wolle. Doch seine Vorschläge sind keine Feinabstimmung. Sie greifen tief in die DNA des Spiels ein.

Der Bundestrainer sorgt sich um junge Generationen, die zu anderen Dingen abwandern könnten, die mehr Action haben. Diese Sorge teile ich nicht. Fußball ist der populärste Sport der Welt, weil er einfach ist, weil er überall gespielt werden kann, weil er keine Auszeiten braucht. Wer glaubt, das Spiel müsse sich an TikTok-Aufmerksamkeitsspannen anpassen, hat das Problem nicht verstanden.