Nagelsmann & Undav und ihr Beziehungsstatus: Es ist kompliziert

Fever Pit'ch-Kolumnist Alex Steudel liefert dem Bundestrainer hier ausreichend Argumente, um den Stuttgarter zur WM 2026 mitzunehmen

Nagelsmann & Undav und ihr Beziehungsstatus: Es ist kompliziert
Foto: Imago / DeFodi

Ich kann nur hoffen, dass Julian Nagelsmann eine Dekompressionskammer im Keller hat. Der Stuttgarter Stürmer Deniz Undav, so steht's überall geschrieben, erhöhe nämlich mit seinen Toren quasi stündlich "den Druck" auf den Bundestrainer, der am Donnerstag seinen Kader für die Testspiele gegen die Schweiz und Ghana bekanntgeben wird.

Eine der großen Fragen lautet: Was macht Nagelsmann dann und schließlich bei der WM vorn? Experten munkeln, dass er den 29 Jahre alten, vor Selbstbewusstsein beinahe platzenden Undav zähneknirschend nominieren wird, weil er an dessen Quote nicht vorbeikommt. Und weil die Konkurrenten schwächeln, wenn das nicht sogar stark untertrieben ist.

Nick Woltemade hat in der Premier League seit Dezember kein Tor mehr für Newcastle geschossen, Niclas Füllkrug ist das personifizierte Pech: Ein Saisontreffer in 22 Pflichtspielen für Milan und West Ham. Da ist man dann schnell bei Bayerns Serge Gnabry.

Undav trifft wie auf der Playstation. Am Sonntag gegen Leipzig im fünften Liga-Spiel in Folge.

Nagelsmann bevorzugt aber eher herumrennende und spielende Stürmer und nicht solche, die klassisch den Gerd-Müller-Hintern rausdrücken und dann das Tor treffen. Allerdings muss man dazusagen, dass Undav diese Saison in den Klubwettbewerben bereits zwölf Assists geliefert hat. Mit seinen 21 Toren kommt er auf 33 Scorerpunkte und bewegt sich somit auf demselben Niveau wie Erling Haaland, Luis Díaz und Lamine Yamal.

Nur haben die eben keinen deutschen Personalausweis.

Ehrlich gesagt: Ich liebe diese Vor-WM-Stürmerdiskussionen. Jeder hat ein Argument, keiner die Lösung. Stürmer sind eben eine ganz besondere Spezies. Wer würde zum Beispiel einen Innenverteidiger nominieren, dessen Gegenspieler monatelang Spiel für Spiel treffen?

Zahlen lügen leider nicht nicht. Also wenn es um die Stürmerposition geht.

Vor der WM 1974 zum Beispiel war Gerd Müller unantastbar. Jupp Heynckes hatte aber in der Bundesliga-Saison genauso viele Tore geschossen wie der Bomber: 30. Der Gladbacher brauchte dafür sogar ein Spiel weniger. Man müsste meinen, dass die beiden im Gleichschritt durchs Turnier gefräst sind. Aber natürlich spielte nur Müller, Heynckes durfte in drei Halbzeiten der ersten Gruppenphase ran; danach guckte er zu, wie die anderen Weltmeister wurden.

Vor dem letzten deutschen WM-Erfolg 2014 hießen die erfolgreichsten deutschen Bundesligastürmer Marco Reus und Stefan Kießling ­ – sie spielten in Brasilien aus verschiedenen Gründen keine Rolle. Bester WM-Torschütze wurde Thomas Müller mit fünf Treffern und einem Assist.

Den WM-Titel für Deutschland sicherte aber Mario Götze mit seinem 1:0 gegen Argentinien, einem klassischen Stürmertor. In der Bundesligasaison 2013/14 hatte er beim FC Bayern genau viermal als Mittelstürmer gespielt.

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Ich schreibe das, um zu verdeutlichen, dass die Dinge nicht immer so klar liegen, wie es scheint. Miroslav Klose, ebenfalls Weltmeister 2014 und erfolgreichster WM-Torschütze der Geschichte, traf fürs Nationalteam 71-mal in 137 Spielen. 52 Prozent, eine Sensationsquote. Seine Quote im Verein war deutlich schwächer: 255 Tore in 667 Spielen. 38 Prozent.

Wo gehört Undav hin – Team DFB oder Team Verein? Oder beides?

Im Kino startet ja morgen die Doku "Ein Sommer in Italien – WM 1990". Deswegen habe ich mir das Turnier noch genauer angeschaut. Damals waren Rudi Völler und Jürgen Klinsmann vorn gesetzt. Völler hatte aber bis Mitte März 1990 lediglich zehn Saisontore für seinen Klub AS Rom geschossen, Jürgen Klinsmann für Inter Mailand 13. Und das bei damals deutlich geringerem Störverkehr im Strafraum.

Dagegen ist Undav ein Gigant – noch mal sein Wert, Stand Mitte März: 21 Tore.

Im Turnier haben Völler und Klinsmann ihre Quoten deutlich verbessert: Sie trafen jeweils dreimal (und Völler wurde, wenn man so will, zweimal getroffen: von Frank Rijkaard) – aber nach dem Achtelfinale erzielte kein deutscher Stürmer ein Tor, außer Kalle Riedle im Elfmeterschießen gegen England.

Wir sehen: Mit den Stürmern ist es kompliziert.