Morddrohungen gegen Schiedsrichter: Der Fußball in Italien hat seine Kontrolle verloren
Ein Referee braucht Polizeischutz, weil er eine fragwürdige Karte zeigte. Die Verrohung beginnt nicht bei der Drohung – sondern bei Klubs und Trainern.
Ein Schiedsrichter trifft eine Entscheidung, die sich im Nachhinein als fragwürdig erweist. Das passiert im Fußball jede Woche, irgendwo auf der Welt. Was danach in Italien passierte, ist jedoch keine Fußballgeschichte mehr. Es ist eine Kriminalgeschichte. Federico La Penna erhielt Morddrohungen gegen sich und seine Familie. Die Polizei riet ihm, zu Hause zu bleiben. Die Staatsanwaltschaft ermittelt. Ich frage mich: Wie konnte es so weit kommen?
Die Szene selbst war banal. Pierre Kalulu, bereits verwarnt, berührte einen Gegenspieler am Arm. La Penna zeigte Gelb-Rot. Die TV-Bilder legten nahe, dass die Entscheidung überzogen war. Der Videoassistent konnte nicht eingreifen, weil er bei Gelb-Roten Karten schlicht nicht zuständig ist. Eine strukturelle Lücke im Regelsystem, die seit Jahren bekannt ist und die der internationale Fußball bislang nicht schließen wollte. Doch diese Lücke erklärt nicht, warum ein Mensch um sein Leben fürchten muss, weil er einen Fehler gemacht haben könnte.
Ich beobachte seit Jahren, wie die Hemmschwelle sinkt. Soziale Medien haben eine Direktheit geschaffen, die Hass ungefiltert transportiert. Wer früher im Stadion schimpfte und auf dem Heimweg vergaß, tippt heute nachts Drohungen in sein Telefon. Die Anonymität macht feige, die Reichweite macht gefährlich. Schiedsrichter sind dabei nur das sichtbarste Ziel einer Verrohung, die den gesamten Fußball durchzieht.
Italien hat reagiert. Die Gesetzeslage wurde verschärft, Angriffe auf Schiedsrichter werden nun behandelt wie Angriffe auf Polizisten. Der italienische Schiedsrichterverband spricht von einem gesellschaftlichen Problem. Das ist richtig, aber es ist auch eine Bankrotterklärung. Wenn ein Land Gesetze braucht, um Menschen zu schützen, die ein Spiel leiten, dann hat der Sport seine eigene Kontrolle verloren.
Die Vereine tragen Verantwortung. Juventus-Fans, die La Penna bedrohen, handeln nicht im luftleeren Raum. Sie handeln in einem Klima, das von Kluboffiziellen, Trainern und Spielern mitgeschaffen wird, wenn diese nach jedem unliebsamen Pfiff den Schiedsrichter öffentlich attackieren. Die Spirale beginnt nicht bei der Morddrohung. Sie beginnt bei der Pressekonferenz, beim wütenden Tweet, beim theatralischen Protest auf dem Platz.
Der VAR hätte in diesem Fall nicht helfen können. Aber selbst wenn er es gekonnt hätte: Kein Videobeweis der Welt schützt einen Menschen vor dem Hass, der ihm entgegenschlägt, wenn er zur Zielscheibe wird. Die technische Aufrüstung des Fußballs hat die menschliche Abrüstung nicht verhindert.
Die Frage ist nicht, ob La Penna richtig oder falsch entschieden hat. Die Frage ist, ob wir akzeptieren, dass Schiedsrichter im Jahr 2025 Polizeischutz brauchen, um ihren Beruf auszuüben. Wer das als normale Begleiterscheinung des modernen Fußballs hinnimmt, hat bereits kapituliert.