Manchester United: Die Wahrheit hinter Carricks Traum-Einstand

Drei Siege in drei Spielen: Michael Carrick hat ManUnited zurück in die Spur geführt. Doch wie lange hält das an?

Manchester United: Die Wahrheit hinter Carricks Traum-Einstand
IMAGO / Every Second Media

2:0 gegen Manchester City, 3:2 beim FC Arsenal und zuletzt ein 3:2 gegen den FC Fulham. Drei Spiele, drei Siege, erstmals in dieser Saison in den Top-Four: Michael Carrick hat Manchester United in Rekordzeit revitalisiert. Und das wirft unweigerlich die „Was wäre wenn“-Maschinerie an: Wo stünden die Red Devils heute, wenn der einstige Mittelfeldstratege schon seit dem ersten Spieltag die Zügel in der Hand gehalten hätte?

Manch einer aus den nordwestlichen Ecken des Königreichs behauptet sogar, United wäre ein Titelanwärter gewesen. Gemach, so leicht ist das dann doch nicht. Die Milchmädchenrechnung mag zwar oberflächlich aufgehen: Unter Ruben Amorim holte United im Schnitt mickrige 1,23 Punkte pro Spiel – der schlechteste Schnitt der eigenen Premier-League-Historie. Und doch beträgt der Rückstand auf Spitzenreiter Arsenal lediglich zwölf Punkte.

Doch so beachtlich Carricks Einstand auch ist: Der 44-jährige Interimscoach hat keine Wunderdinge vollbracht. Paradoxerweise ist genau das der Grund, warum United plötzlich wieder in der Spur ist.

Manchester United: Zurück zu den Basics

Beim Derbysieg gegen City war mein erster Gedanke: „Sie wollten es einfach mehr.“ Keine Expected Goals, keine tiefschürfende Taktikanalyse, sondern eine abgedroschene Stammtischparole, die zu häufig verwendet wird, um sich den Sieg einer Mannschaft zu erklären. Doch selten traf sie so ins Schwarze wie hier. Die Red Devils agierten aggressiv in den Zweikämpfen, warfen sich aufopferungsvoll in jeden Schuss und griffen mit einer fast vergessenen Entschlossenheit an.

Gegen Arsenal setzte United diesen Trend fort – ergänzt um ein neues Selbstbewusstsein, das in zwei traumhaften Weitschusstoren mündete. Spätestens gegen Fulham war schließlich auch die „United-DNA“ zurück: In der vierten Minute der Nachspielzeit den Ausgleich kassieren und dennoch gewinnen, das war schon prime “Fergie Time”.

Kampf, Wille, Leidenschaft und Klarheit zeichneten Manchester United in diesen Wochen aus. Qualitäten, die auf diesem Niveau eigentlich keiner Erwähnung bedürfen sollten. Dass ich es dennoch tue, zeigt, wie sehr sie im Old Trafford zur Seltenheit geworden waren – genau wie guter Fußball oder echte Silberware seit dem Abgang von Sir Alex Ferguson.

Fußball kann so einfach sein

Jahrelang versuchte der Klub, sein Führungsvakuum mit verschiedenen Philosophien zu füllen: Mit der Autorität eines Louis van Gaal, dem defensiven Pragmatismus eines José Mourinho, und für was auch immer Erik ten Hag stand. Sie alle versuchten krampfhaft, dem Team ihren Stempel aufzudrücken, oft ohne Rücksicht auf das vorhandene Spielermaterial und verloren dabei den Blick für das Wesentliche. Am stärksten trieb es Ruben Amorim auf die Spitze, der sich in einer fast schon dogmatischen Komplexität verlor.

Michael Carrick, 316-facher United-Profi und zuletzt selbst Dauerkarteninhaber auf der Tribüne, hatte das erkannt. Und tat etwas Bahnbrechendes: Anders als sein verkopfter Vorgänger Amorim stellte er die besten Spieler auf ihre besten Positionen und wählte eine Ausrichtung, die Schwächen kaschiert und Stärken forciert. Fußball kann so einfach sein.

Ein Kader, der für eine Viererkette konzipiert wurde, spielt wieder Viererkette. Einer der besten Zehner Europas (Bruno Fernandes) spielt auch tatsächlich auf der Zehn. Und Kobbie Mainoo, vor kurzem noch eines der vielversprechendsten Mittelfeldtalente des Landes, darf überhaupt mitspielen, nachdem er unter Amorim nicht ein einziges Mal in der Startelf stand.

Die Aufstellung ist logisch, die Marschroute unkompliziert: Defensive Grundordnung, weniger Spielanteile, dafür überfallartige Gegenangriffe über die schnellen Spitzen. Es ist simpel und effektiv. Womöglich sogar zu simpel und zu effektiv.

Manchester United: Carrick liefert das Fundament, wer wird darauf bauen?

Denn zur Wahrheit dieses Traumeinstiegs gehört auch: Gegen City und Arsenal hat ManUnited seine Gegner keineswegs hergespielt, sondern vielmehr deren Zerfall moderiert. Citys desolates defensives Umschaltspiel war ein gefundenes Fressen für Uniteds Konter; gegen Arsenal brauchte es einen hanebüchenen Rückpass als Dosenöffner und zwei Sonntagsschüsse. United war zur Stelle, als die Tür offen stand, doch aktiv aufgestoßen haben sie diese kaum.

Selbst beim Heimsieg gegen Fulham hatte United nur 42 % Ballbesitz und offenbarte die bekannten defensive Probleme. Geht man streng nach den Expected Goals, hätte die Partie sogar verloren gehen müssen (1,79 zu 1,94).

Tiefer Block, Konter und individuelle Geistesblitze – das ist im Kern der Fußball eines Außenseiters, nur eben mit hoher individueller Qualität. Ole Gunnar Solskjaer lässt grüßen. Um dauerhaft um Titel mitzuspielen, wird United Gegner dominieren müssen. Dazu braucht es mehr taktische Tiefe und verschiedene Facetten. Ein Mangel daran wurde Carrick bereits in der zweiten Liga bei Middlesbrough zum Verhängnis.

Doch in der jetzigen Phase liefert er genau das, was Manchester United über ein Jahrzehnt abhanden gekommen war: Ein stabiles Fundament. Ob er darauf weiterbauen darf oder ein anderer: Carrick verdient größten Respekt dafür, es gelegt zu haben.