Kompanys Rassismus-Rede entlarvt das Schweigen im Fußball

Alle feiern den Bayern-Trainer für seine klaren Worte. Doch das eigentliche Problem ist, warum solche Haltung zur Ausnahme geworden ist.

Kompanys Rassismus-Rede entlarvt das Schweigen im Fußball
IMAGO/Eibner

Zwölf Minuten. So lange sprach Vincent Kompany am Freitag über Rassismus, über Vinicius Junior, über José Mourinho und über eine Gesellschaft, die offenbar immer noch nicht verstanden hat, was Respekt bedeutet und zu häufig nach der Empörung über Rassismus auf dem Fußballplatz schnell zur Tagesordnung zurückkehren will. Kompany trat dem Ansinnen entgegen. Ich habe mir diese Pressekonferenz angesehen, und ich muss sagen: Ich war beeindruckt.

Nicht weil ein Fußballtrainer etwas Kluges gesagt hat – das kommt vor. Sondern weil er etwas getan hat, was in seiner Branche zur absoluten Ausnahme geworden ist: Er hat Haltung gezeigt, ohne sich hinter Floskeln zu verstecken.

Die Reaktionen fielen erwartbar aus. Max Eberl sprach davon, dass ihn Kompanys Worte "brutal berührt" hätten. Herbert Hainer nannte seinen Trainer zum wiederholten Mal einen "Sechser im Lotto". Christian Streich, der selbst nie um klare Worte verlegen war, zeigte sich bei Sky regelrecht überwältigt. Und Harry Kane formulierte es so: Kompany sei "nicht nur ein großartiger Taktiker, sondern auch ein großartiger Botschafter".

All das ist richtig. Und genau hier beginnt mein Problem.

Denn während alle Kompany loben, stellt sich eine unbequeme Frage: Warum ist das eigentlich so außergewöhnlich? Warum fällt es auf, wenn ein Trainer im Jahr 2026 sagt, dass rassistische Beleidigungen inakzeptabel sind? Warum braucht es einen Belgier in München, um das auszusprechen, was selbstverständlich sein sollte?

Kompany verteidigte Vinicius Junior nach dem Vorfall bei Benfica Lissabon und kritisierte Mourinho scharf für dessen Kommentare. Das war mutig, weil er damit einen der prominentesten Trainer der Welt direkt anging. Aber es war auch notwendig, weil Mourinhos Relativierungen genau das Problem sind: Sie signalisieren, dass Rassismus im Fußball verhandelbar ist. Dass es Graustufen gibt. Dass man abwägen muss.

Kompany hat dem widersprochen. Klar, direkt, ohne Hintertür. Und dann hat er am Samstag gesagt, er wolle nicht weiter darüber reden. Er hoffe, "dass die Tür offen bleibt, damit wir daraus wachsen."

Ich verstehe diesen Wunsch. Aber ich fürchte, er wird nicht in Erfüllung gehen. Denn der Fußball hat ein strukturelles Problem mit Haltung. Trainer, Spieler, Funktionäre – sie alle bewegen sich in einem System, das Kontroversen scheut wie der Teufel alles Heilige. Sponsoren könnten irritiert sein. Verbände könnten Sanktionen verhängen. Die nächste Pressekonferenz könnte unangenehm werden.

Also schweigen die meisten. Oder sie sagen etwas, das nach Haltung klingt, aber keine ist. Kompany hat das Gegenteil getan. Deshalb feiern ihn jetzt alle. Aber Feiern reicht nicht.

Die eigentliche Frage ist nicht, ob Kompanys Rede beeindruckend war. Die Frage ist, warum so wenige andere den Mut aufbringen, Ähnliches zu tun. Und ob der Fußball bereit ist, aus dieser Ausnahme eine Regel zu machen – oder ob er in zwei Wochen wieder zur Tagesordnung übergeht, als wäre nichts gewesen.