Kinder haben keine Stimme – das Versagen der Sportpolitik

Sport könnte Demokratie, Gesundheit, Zusammenhalt und Kinder stärken – wenn ihn die Politik endlich ernst nehmen würde.

Kinder haben keine Stimme – das Versagen der Sportpolitik
Wie sieht die sportliche Zukunft unserer Kinder aus?

Ein Social-Media-Post mit Fotos aus einer riesigen Halle. Spielende Kinder in verschiedenfarbigen Leibchen, überall kleine Tore. Fast wie im schulsportlichen Paradies. In Skandinavien ist das vermutlich Alltag. Hierzulande ist es der „Aktionstag Schulfußball“ des DFB – öffentlichkeitswirksam aufgezogen in einer Stuttgarter Großhalle, mit Bandenwerbung und 300 Lehrkräften auf der Tribüne, die andächtig DFB-Jugendchef Hannes Wolf lauschen: "Wir coachen Werte, nicht Technik oder Taktik."

Eine sinnvolle PR-Aktion, keine Frage. Mich brachte sie auf eine ganz praktische Idee: Wo bekommt man die Minitore für die Schulen? Als Vorsitzender eines großen Vereins mit vielen Kindern denkt man sofort: Lass uns mit den Lehranstalten vor Ort loslegen.

Die Antwort des von mir sehr geschätzten DFB-Kollegen: Leider keine Minitore. Man könne auch Hütchen nehmen. Und wenn keine Halle da sei, eben den Schulhof. „Einfach mal machen!“

Alles klar, kein Problem. Aber dieser gut gemeinte Satz hallt nach. „Einfach mal machen!“ Wir haben in den letzten zehn Jahren mehr als 20 Auszeichnungen gewonnen, darunter den „Großen Stern des Sports“ auf Bundesebene, diverse Innovationspreise. An mangelndem Willen scheitert hier nichts. Aber die freundschaftlich gemeinte Nonchalance löst in mir etwas aus. Weil die Realität leider ganz anders aussieht.

Vor zehn Jahren hatte unser Verein sieben Schul-AGs, heute keine einzige mehr. Die Gründe sind banal und brutal zugleich: Schulen sind katastrophal ausgestattet, Lehrkräfte überlastet oder nicht interessiert, politische Unterstützung ist praktisch nicht existent. In Berlin, wo ich lebe, ist klassischer Breitensport nur in Sonntagsreden ein Thema. Der Bildungssenatorin und dem Regierenden Bürgermeister scheint ohnehin der Elitesport Tennis näher zu liegen als die Instandsetzung von Turnhallen und Sportplätzen.

Für die Vereine lohnt sich eine Schulkooperation kaum. Die Vergütung deckt den bürokratischen und personellen Aufwand nicht, und Kinder haben wir sowieso mehr als genug. Wartelisten mit 700 Namen hatten wir schon – heute führen wir keine mehr, weil Plätze, Trainer und Hallenzeiten fehlen. Das ist Alltag in deutschen Großstädten - in allen gut geführten Vereinen.

Bei einer der letzten Schul-AGs kam der Trainer fassungslos zurück: Die Grundschule hatte genau einen Ball. Einen. In Erwachsenengröße. Ein Sportartikelhändler sprang ein und spendete fünf Kinderbälle – und gleich noch fünf für eine Flüchtlingsinitiative. Danke, mein Freund Ali, für diese unbürokratische Unterstützung. „Einfach mal machen.“

Doch genau das ist das Problem. Teile des Schulsports werden stillschweigend in die Hände der engagierten Zivilgesellschaft ausgelagert. Politik beschränkt sich derweil auf faktenfreie Stammtischparolen über Bundesjugendspiele oder die angeblichen Systemfehler im Kinderfußball. Der Kanzler will im Kinderfußball „wieder Tore erlauben“, obwohl sie nie verboten waren. Ansonsten gilt: Autobahnen und Bashing von Bürgergeldempfängern bringen mehr Wahlkampfpunkte als Bewegungsförderung für nicht stimmberechtigte Kinder.

Warum ist das so? Weil der Breitensport keine Lobby hat. Wer könnte das ändern? Natürlich die Sportpolitiker und nicht zuletzt die Sportverbände, denn u. a. dafür sind die Funktionäre gewählt worden. Gegen die oben beschriebene Schulfußball-Aktion ist nichts zu sagen, aber sie sendet auch ein fatales Signal: „Die kriegen das schon irgendwie hin.“

Ganz nebenbei kaschiert der Aktionstag das Versagen von Bildungs- und Sportpolitik. Ich hätte mir gewünscht, die beschriebene Veranstaltung wäre für ein entschiedenes Auftreten gegen die verfehlte Politik genutzt worden. Wie wäre es eigentlich damit, der Politik alle Ehrenkarten für Länderspiele zu verwehren, bis sich spürbar etwas ändert?

In den letzten Monaten habe ich vier Reden des Berliner Bürgermeisters erduldet. Sport tauchte darin nicht auf. Weil er scheinbar keine Stimmen bringt, fristet er in den Parteiprogrammen ein Schattendasein. Einige Sportfunktionäre sitzen in Parteien und Parlamenten – manchmal sogar in hohen Positionen - aber was hat das dem Breitensport gebracht? Kein Politiker fürchtet die fast 30 Millionen organisierten Sportlerinnen und Sportler. Also kommt ihr Anliegen im Wahlkampf nicht vor.

Eine Spitzenpolitikerin sagte mir kürzlich offen und leicht verzweifelt, wie egal das Thema parteiübergreifend sei. Die jüngste Berliner Abgeordnete prangert regelmäßig öffentlich den Zustand von Hallen und Plätzen an. Ihre klare Haltung: Keine Olympiabewerbung, solange die Sportanlagen der Basis verrotten. Das ist konsequent – aber ausgerechnet die Sportverbände tun sich damit schwer. Warum eigentlich?

Ich würde mir wünschen, sie wären genauso deutlich, gerade wenn sie das gleiche Parteibuch wie ihre Ansprechpartner in der Politik und damit beste Zugänge haben. Jeden Tag den Finger in die Wunde legen, bis sie geschlossen ist! Mahnende Beispiele gäbe es bundeweit sogar für jede Stunde.

DFB-Präsident Bernd Neuendorf und DOSB-Chef Thomas Weikert haben vor der Bundestagswahl in der ZEIT fast flehentlich vor der Ignoranz der Politik gegenüber dem Breitensport gewarnt. Passiert ist: nichts. Wir haben jetzt eine Staatsministerin für Sport und Ehrenamt – aber das Interesse der Abgeordneten am Sport hat sich nicht gesteigert.

Dabei sind die Probleme, insbesondere für junge Menschen, bekannt:

  • Einsamkeit
  • Bewegungsmangel
  • Übergewicht
  • Digitale Verödung
  • Rückgänge im Ehrenamt

Die geplante Amateurfußball-Konferenz Hartplatzhelden26 trägt gar den Titel: „Demokratie beginnt im Verein!“ Der Sport kann an vielen Stellen und zu vielen Themen helfen. Er tut es jeden Tag. Aber dafür müsste er endlich politisch ernst genommen werden.

Um ihn auf die Agenda zu setzen, sollte man den Abgeordneten der demokratischen Parteien vielleicht einfach denselben Satz zurufen, den der freundliche DFB-Kollege mir geschrieben hat:

„Einfach mal machen.“

Bevor es die falschen tun.