Kimmichs Rückzug aus der Politik ist keine Lehre aus Katar, sondern Kapitulation
Der DFB-Kapitäm will sich bei der WM 2026 nicht an politischen Diskussionen beteiligen.
Joshua Kimmich hat aus Katar gelernt. Das ist die gute Nachricht. Die schlechte: Er hat die falschen Schlüsse gezogen. Der Kapitän der deutschen Nationalmannschaft kündigt an, sich vor der WM 2026 aus politischen Debatten herauszuhalten. Trotz Trump. Trotz Grönland. Trotz Strafzoll-Androhungen.
Genau diese Zurückhaltung hatte DFB-Sportdirektor Rudi Völler seinen Nationalspielern kürzlich mit auf den Weg gegeben. Es soll bei der Weltmeisterschaft um Fußball gehen und nicht um Weltpolitik. Kimmich hat die Botschaft verstanden und handelt entsprechend als DFB-Spielführer.
Seine Begründung klingt pragmatisch: Bei der WM in Katar habe man gemerkt, dass politische Äußerungen von Spielern nicht zielführend seien. Andere Menschen beim DFB und in Deutschland könnten das besser. Kimmich sagt das mit einem Schmunzeln, als wäre die Sache damit erledigt. Aber so einfach ist es nicht.
Funktionäre schweigen zum möglichen WM-Boykott
Was Kimmich als Lehre aus Katar verkauft, ist in Wahrheit eine Kapitulation. Die deutsche Mannschaft scheiterte 2022 nicht daran, dass sie sich politisch äußerte. Sie scheiterte daran, wie sie es tat. Die One-Love-Binde wurde zum Symbol für halbherzigen Protest, der beim ersten Gegenwind einknickte. Das Mannschaftsfoto mit zugehaltenen Mündern wirkte wie eine Geste der Ohnmacht, nicht der Stärke. Das Problem war nicht das Engagement an sich, sondern dessen Inszenierung und mangelnde Konsequenz.
Und die Bilder, die uns aus den USA erreichen, sind verstörend. Da wird in Minnesota eine Aktivistin von der Polizei erschossen und der Fall von der Trump-Regierung als "selbstverschuldet" dargestellt. Szenen vom Vorgehen der Migrationsbehörde ICE, die Einwanderern auf der Straße auflauern, laufen in den Sozialen Netzwerken rauf und runter. US-Präsident Trump selbst will plötzlich Fans aus den Ländern von 15 WM-Teilnehmern nicht einreisen lassen, weil er sie unter Generalverdacht stellt, dass sie bleiben könnten.
Kann man dazu schweigen? Wenn Kimmich jetzt sagt, Spieler sollten sich nur bis zu einem gewissen Punkt äußern, dann verschiebt er die Verantwortung. Er delegiert sie an Funktionäre und Politiker, die bislang zum Thema WM-Boykott schweigen. Der DFB hat sich noch nicht positioniert. Die Politik diskutiert, aber handelt nicht. Und die Spieler, die als Gesichter des Turniers auftreten werden, ziehen sich zurück. Das ist bequem und vermutlich sogar klug. Aber es fühlt sich irgendwie falsch an.
Erwartungen an Kimmich als DFB-Kapitän
Kimmich ist nicht irgendein Spieler. Er ist Kapitän, Führungsfigur, eine Stimme, die gehört wird. Mit dieser Rolle kommt Verantwortung, die sich nicht outsourcen lässt. Natürlich muss kein Fußballer Experte für Geopolitik sein, und wir wollen, dass der Fußball im Mittelpunkt steht. Aber die Frage, ob man bei einem Turnier antritt, dessen Gastgeberland Europa mit Zöllen und Drohungen überzieht, ist keine Detailfrage für Spezialisten. Sie betrifft jeden, der das deutsche Trikot trägt.
Die Ironie dabei: Kimmich hat in der Vergangenheit bewiesen, dass er durchaus Haltung zeigen kann. Seine Impfdebatte während der Pandemie zeigte einen Spieler, der bereit war, unbequeme Positionen zu vertreten. Dass er sich jetzt hinter der Expertise anderer versteckt, wirkt wie ein Rückzug aus Selbstschutz. Die WM 2026 wird kommen, mit oder ohne deutsche Beteiligung an der politischen Debatte. Die Frage ist nur, ob die Nationalmannschaft diesmal als Akteur auftritt oder als Statist. Kimmichs Ankündigung deutet auf Letzteres hin. Das ist sein gutes Recht. Aber es ist kein schönes Zeichen.