Jährlich grüßt der Weihnachtsmann: Transfers, Tricks und Taschengeld
Amateurvereine nutzen das Winterfenster, um Versäumtes zu korrigieren. Doch nicht jeder Wechsel folgt fairen oder sauberen Regeln.
Von Gerd Thomas
Neues Jahr, neues Glück?! Nach diesem Motto handeln nicht nur Profiklubs.
Auch viele Amateurvereine nutzen die Winterpause, um auf dem Transfermarkt nachzulegen. Die verbliebenen Informationsportale für den Amateurfußball melden Königstransfers, Shootingstars, sogar „Schlüsselspieler“, die in der Rückrunde jene Punkte holen sollen, die man – oft aus mangelhafter Planung oder wegen fehlender Expertise – zuvor liegen ließ.
Spricht man mit den Verantwortlichen, winken diese meist ab. Man habe gar nicht gesucht, die Neuzugänge seien eher zufällig zustande gekommen. In manchen Fällen mag das stimmen, in anderen eher nicht. Fakt ist: Es gibt immer Spieler, die unzufrieden sind und das Winterfenster nutzen, um sich neu zu positionieren.
Ebenso Fakt ist aber, dass manche Vereine tief in die Schatulle greifen. Auch im klassischen Breitenfußball gilt vielerorts das Recht der dicken Brieftasche. Will ein abgebender Verein einen Spieler eigentlich nicht verlieren, wird es teuer. Theoretisch braucht es dessen Zustimmung. Praktisch wird diese erkauft. Denn jeder weiß: Wer einem wechselwilligen Spieler die Freigabe verweigert, riskiert, dass dieser die restlichen Spiele nur noch mit angezogener Handbremse bestreitet. Am Ende geht es ums Pokern – und ums Geld.
Mitunter nimmt das fragwürdige Formen an. Vor rund zehn Jahren war unser Verein Tabellenführer, das letzte Spiel der Hinrunde stand gegen den Zweiten an, der bereits vor der Saison massiv investiert hatte, woher auch immer das viele Geld kam. Viele Wechsel liefen bei vielen Vereinen damals - wie auch heute - nicht über reguläre Konten. Aufgrund von Frost wurde das Spiel auf wenige Tage vor Weihnachten verlegt.
Der später durch einen Sportschau-Bericht bundesweit bekannt gewordene „Präsident“ des Gegners legte Protest gegen den neuen Spieltermin ein. Nur zur Vollständigkeit: Das Thema im TV-Beitrag war nicht Schwarzgeld - worüber es andere sehenswerte Dokus gibt - sondern ekelhafter Antisemitismus. Begründung für das Anrufen des Sportgerichts: Fast alle seiner Spieler seien nicht da, hätten längst Flüge zu ihren Verwandten gebucht.
Nun gab es wie jedes Jahr einen Rahmenterminplan, der das besagte Wochenende vor Weihnachten als Nachholtermin vorsah. Der Protest wurde vom Sportgericht natürlich abgewiesen, woraufhin der gegnerische Vorsitzende – sorry: „Präsident“ - das sogenannte Verbandsgericht anrief. Aussichtslos, aber effektiv: Wegen der Feiertage fand die Verhandlung erst im Januar statt. Das Urteil bestätigte erwartungsgemäß den ursprünglichen Termin, wertete die Volte aber nicht als Sieg für uns, sondern setzte das Spiel neu an – im Februar. Eine „süße Niederlage“: Die Verfahrenskosten waren für den Präsidenten Peanuts im Vergleich zu den Summen, die inzwischen für zwölf (!) neue Spieler ausgegeben worden waren.
So wurde das erste Spiel des neuen Jahres faktisch zum letzten der Hinrunde. Beim Gegner standen zehn(!) neue Spieler auf dem Platz. Wir verloren vor großer Kulisse und bei aufgeheizter Stimmung deutlich mit 0:4. Am Ende der Saison stiegen tatsächlich beide Teams auf, wir gewannen ein Entscheidungsspiel gegen den eigentlich übermächtigen Zweiten der Parallelstaffel. Dessen stets vorzüglicher Torhüter patzte zweimal, unser hielt einen Elfmeter. Kannste dir nicht ausdenken, aber solche Dinge sind es, die den Fußball so faszinierend machen. Und für alle, die an Karma glauben: Den Verein des Alleinherrschers gibt es nicht mehr. Er wurde wegen immenser Schulden vom Verband gestrichen. Unser hingegen ist weiterhin putzmunter.
Man darf aber davon ausgehen, dass dies kein Einzelfall war. Auch wenn die Machenschaften in Berlin besonders ruppig erscheinen, hört man aus anderen Regionen ebenfalls haarsträubende Geschichten, die mit fairem Wettbewerb meist wenig zu tun haben. Den Verbänden sind weitgehend die Hände gebunden. Denkbar wäre allenfalls ein Verbot von Wintertransfers.
Das würde jedoch jene Spieler bestrafen, die kaum Einsatzzeiten hatten. Alternativ ließen sich objektive Kriterien definieren, die einen Wechsel legitimieren: etwa ein Wohnortwechsel oder eine Obergrenze an Einsätzen. Allerdings braucht es keine prophetischen Fähigkeiten, um vorherzusagen, wie kreativ einige Vereine mit solchen Regeln umgehen würden.
Am Ende liegt es an den Vereinen selbst, solidarische Regeln zu entwickeln und mehrheitsfähig zu machen. Wie realistisch das ist, weiß jeder, der den Fußball kennt: Gerechtigkeit gilt immer vor allem für den eigenen Klub – Auslegung und Definition variieren stark.
Bleibt also nur das Karma. Aberglaube gehört schließlich zum Fußball. Ich wünsche allen anständigen Menschen, die nicht versuchen, sich mit Taschenspielertricks und halbseidenen Methoden Vorteile zu verschaffen, dass sie ihre Saisonziele erreichen. Den anderen wünsche ich zumindest ein gesundes neues Jahr – was selbstverständlich auch für Erstere gilt.
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