Infantinos Party-Versprechen und die verschränkten Arme Europas
Der FIFA-Präsident versichert eine friedliche WM trotz politischer Spannungen - und stürzt die Europäer in ein Dilemma
Gianni Infantino steht in Brüssel und verspricht eine Party. Die WM werde die Welt vereinen in Frieden und Freude, sagt der FIFA-Präsident. Man muss das einen Moment sacken lassen. Vier Monate vor dem Anpfiff einer Weltmeisterschaft, deren Co-Gastgeber USA international für Irritationen sorgt, deren Boykott ernsthaft diskutiert wird, steht der mächtigste Mann des Weltfußballs vor den europäischen Verbänden und redet von Einheit und Solidarität. Es ist die typische Infantino-Rhetorik: große Worte, wenig Substanz. Die WM soll ein Symbol sein, sagt er. Aber wofür genau? Für eine FIFA, die seit Jahren Turniere an Ausrichter vergibt, ohne sich um politische Realitäten zu scheren? Für einen Weltverband, der Kritik an seinen Entscheidungen routiniert wegmoderiert? Bemerkenswert ist, was unmittelbar vor Infantinos Auftritt passierte. EU-Kommissar Glenn Micallef sprach von Meinungsverschiedenheiten und wurde dabei ungewöhnlich deutlich. Fußball dürfe niemals kommerzielle und politische Erwägungen über das Erlebnis der Fans und das Wohlergehen der Athleten stellen, sagte der Malteser. Es war eine kaum verhüllte Kritik an der FIFA-Führung, vorgetragen direkt vor deren Präsidenten. Micallef ging noch weiter. Fußball sei ein öffentliches Gut und müsse von Institutionen geregelt werden, die im öffentlichen Interesse handeln. Sport müsse mehr sein als Gewinne und der Wert für Anteilseigner. Das sind Sätze, die man so selten auf großer Bühne hört. Und sie treffen einen Nerv. Denn die Diskrepanz zwischen Infantinos Friedensrhetorik und der Realität des modernen Fußballgeschäfts könnte kaum größer sein. Die FIFA expandiert ungebremst, schafft neue Wettbewerbe, maximiert Einnahmen. Gleichzeitig wachsen die Sorgen über Spielerbelastung, über die Macht der Berater, über die Schere zwischen reichen und armen Klubs. Die europäischen Verbände, auf deren Unterstützung Infantino so demonstrativ baut, stecken in einem Dilemma. Ein Boykott der WM ist derzeit kein Thema, das machte auch das UEFA-Exekutivkomitee deutlich. Aber die Unzufriedenheit mit der FIFA-Politik ist spürbar. Infantino braucht Europa, und er weiß es. Seine Rede in Brüssel war der Versuch, die Reihen zu schließen, bevor die Risse zu groß werden. Doch Micallefs Intervention zeigt, dass die Geduld schwindet. Die Frage ist nicht mehr, ob der Fußball ein Werteproblem hat. Die Frage ist, wann die Konsequenzen folgen. Eine Party hat Infantino versprochen. Aber Partys, bei denen die Hälfte der Gäste mit verschränkten Armen in der Ecke steht, werden selten fröhlich.