Immer Leader, selten Liebling – warum Michael Ballack nie vollendet wurde
Er war der Fixpunkt seiner Teams, übernahm Verantwortung und entschied Spiele. Michael Ballack hatte den ganz großen Erfolg immer wieder vor Augen – und doch blieb er ihm verwehrt.
Es gibt Karrieren, die sich über Titel erzählen lassen – und andere, die sich über Rolle, Verantwortung und Wirkung erschließen. Wie die von Michael Ballack. Kaum ein anderer deutscher Spieler hat über so viele Jahre so konsequent Verantwortung getragen, Spiele geprägt und Mannschaften geführt – ohne dass sein Einsatz am Ende mit dem ganz großen Titel belohnt wurde.
Dieses wiederkehrende Beinahe seiner Karriere, diese Momente, in denen alles vorbereitet war – und sich doch nicht vollendete, verdichten sich am 25. Juni 2002. Im WM-Halbfinale in Seoul, Deutschland gegen Südkorea. Es ist ein zähes, nervöses Spiel, hart umkämpft, von großer Anspannung getragen. Ballack ist der ordnende Mittelpunkt: Er fordert, lenkt, geht voran. Als er kurz vor dem eigenen Strafraum grätscht, weiß er, was er riskiert. Gelbe Karte. Die zweite im Turnier.
Vier Minuten später steht er im gegnerischen Strafraum, setzt nach, trifft zum 1:0. Deutschland steht im Finale – wegen Michael Ballack. Und doch weiß er in diesem Moment: Dieses Finale wird ohne ihn stattfinden. Ballack ist die zentrale Figur dieses Spiels – und eine der prägenden Figuren des Turniers. Zugleich ist er vom letzten Akt ausgeschlossen.
Verantwortung als Konstante
Eine Situation, die sich wie ein Muster durch seine Karriere zieht - und die er zwei Jahre zuvor schon erlebt hat. Am letzten Spieltag der Bundesliga-Saison 1999/2000 steht Ballack mit Bayer Leverkusen vor der ersten Meisterschaft der Vereinsgeschichte. Ein Punkt gegen Unterhaching genügt. Ballack, 23 Jahre alt, neu im Team, aber bereits tragende Figur, will im eigenen Strafraum klären – und fälscht den Ball unglücklich ins eigene Tor ab. Leverkusen verliert, der Titel geht an den FC Bayern.
Dass sich dieser Moment bis heute so stark mit Ballack verbindet, liegt nicht an individueller Schuld. Es liegt daran, dass er schon damals der Spieler war, an dem sich alles bündelte. Verantwortung macht sichtbar – und angreifbar. Doch Ballack stellt sich: kein Rückzug, kein öffentliches Hadern. Im Gegenteil: Er übernimmt noch mehr Verantwortung. Seine Rolle wächst, sein Einfluss nimmt zu. 23 Ligatore als Mittelfeldspieler, ständige Präsenz in beiden Strafräumen, klare Führungsfunktion. Leverkusen richtet sein Spiel an ihm aus.
Und doch endet auch die Saison 2001/2002 ohne Krönung: Zweiter in der Liga, Niederlage im Pokalfinale, verlorenes Champions-League-Endspiel. Dreimal nah dran, dreimal nicht ganz. Leverkusen wird zu „Vizekusen“, Ballack zu seinem Gesicht – nicht, weil er versagt, sondern weil er die Mannschaft bis an diesen Punkt trägt.
Der entscheidende Spieler – und das offene Ende
In der Nationalmannschaft wird Ballack zur prägenden Figur. Neben Oliver Kahn ist er derjenige, der dem Spiel Struktur gibt, Verantwortung einfordert und sie selbst übernimmt. Im WM-Viertelfinale 2002 gegen die USA erzielt er das entscheidende Tor. Im Halbfinale gegen Südkorea erneut. Zwei K.-o.-Spiele, zwei Treffer, maximale Wirkung.
Deutschland steht im Finale – wegen Ballack. Und spielt es ohne ihn.
Für einen kurzen Moment verändert sich die Wahrnehmung. Ballack gilt nicht mehr nur als ewiger Zweiter, sondern als tragische Figur: als Spieler, der alles gegeben hat und dafür bezahlt. Respekt wird zu Sympathie. Doch diese Neubewertung bleibt flüchtig. Ballacks Karriere kennt keinen alles überstrahlenden Moment. Kein Titel 2002, ein enttäuschendes EM-Turnier 2004, Platz drei 2006, erneute Finalniederlage 2008.
Immer ist er beteiligt. Immer ist er entscheidend. Und doch gehört der letzte Moment jemand anderem.
Titel ohne Vollendung
Auf Vereinsebene scheint sich das Bild zunächst zu korrigieren. Nach der WM 2002 wechselt Ballack zum FC Bayern. Titel folgen, Doubles, individuelle Auszeichnungen. Auf dem Papier ist das Etikett des ewigen Zweiten erledigt.
Doch in München geht es um mehr als nationale Erfolge. Entscheidend ist die Champions League. Dafür ist Ballack als Nachfolger von Stefan Effenberg geholt worden. Intern wird weniger seine Bedeutung für den Alltag infrage gestellt als seine Wirkung in den entscheidenden internationalen Momenten. Anders als Effenberg verabschiedet sich Ballack ohne Champions-League-Titel aus München.
Auch bei Chelsea bleibt der große Triumph aus. 2008, Champions-League-Finale in Moskau. Ballack trifft im Elfmeterschießen, der Titel ist greifbar. Dann rutscht John Terry aus. Manchester United jubelt. Und wieder bleibt Ballack jener Titel verwehrt, der seine Karriere endgültig abrunden würde.
Er blickt ohne Bitterkeit zurück. „Ich habe viele Titel gewonnen“, sagt Ballack. „Den großen internationalen zwar nicht – aber das muss man akzeptieren.“
Ein Ende, das ins Bild passt
2010 scheint noch einmal alles möglich. Ballack ist Kapitän der Nationalmannschaft, 34 Jahre alt, die WM in Südafrika soll seine letzte sein. Dann das Foul von Kevin-Prince Boateng im FA-Cup-Finale. Schwere Bänderverletzung. WM-Aus.
Was folgt, ist von fast brutaler Symbolik. Die Nationalmannschaft spielt ohne ihn ein begeisterndes Turnier. Jung, schnell, befreit. Ballack wird nicht mehr gebraucht. Philipp Lahm behält die Kapitänsbinde, Joachim Löw trennt sich später per Pressemitteilung von seinem langjährigen Führungsspieler. Kein Abschiedsspiel von Gewicht, kein letzter gemeinsamer Moment. Und wieder steht der Spieler, der über Jahre unersetzlich war, nicht im Bild der Vollendung.
Selten Liebling, immer Leader
Michael Ballack war nie Everybody’s Darling. Aber er war immer da, wenn Verantwortung gefragt war. Seine Karriere erzählt weniger von verpassten Titeln als von verpassten Momenten: von Finalspielen, die ohne ihn stattfanden, und von solchen, in denen andere den letzten Schritt machten. Ballack bereitete vor, trug, ermöglichte – und wurde doch nicht belohnt.
Vielleicht liegt genau darin seine Bedeutung. Nicht als vollendete Legende mit einem alles überstrahlenden Triumph, sondern als Spieler, der gezeigt hat, dass Führung, Haltung und Dauer im Fußball zählen. Auch dann, wenn der letzte Schritt ausbleibt.
Mehr zur Karriere von Michael Ballack hört ihr im Podcast 100Fußballlegenden. Die Folge "Michael Ballack: Immer Leader, selten Liebling" gibt es überall, wo es Podcasts gibt.