Holstein Kiel muss sich fragen: Ist Rapp noch der richtige Trainer?
Vier Niederlagen in Serie, der Relegationsplatz droht. Die öffentliche Rückendeckung für den Trainer macht die Lage nur noch brisanter.
Vier Niederlagen in Folge, der Relegationsplatz droht, und ein Trainer, der öffentlich gestärkt wurde – ich kenne dieses Muster aus dem deutschen Profifußball zur Genüge. Es endet selten gut für den Mann an der Seitenlinie.
Holstein Kiel erlebt gerade den brutalen Realitätscheck nach dem Bundesliga-Abstieg. Das 1:3 in Karlsruhe war keine Ausnahme, sondern die Bestätigung eines Trends, der sich seit Wochen abzeichnet. Ein Klub, der vor wenigen Monaten noch gegen Bayern München und Borussia Dortmund antrat, verliert jetzt gegen einen KSC, der selbst eine Woche zuvor mit 1:5 in Nürnberg untergegangen war. Das ist keine Formkrise mehr.
Ich beobachte bei Holstein Kiel einen Verein, der die Fallhöhe nach dem Abstieg unterschätzt hat. Die zweite Liga verzeiht keine Nachlässigkeit, keine mentale Erschöpfung, keine taktische Stagnation. Wer hier nicht sofort funktioniert, wird gnadenlos nach unten durchgereicht. Die Tabelle lügt nicht, und wenn am Ende dieses Spieltags der Relegationsplatz winkt, dann ist das keine Momentaufnahme mehr.
Trainer Marcel Rapp hat diesen Verein in die Bundesliga geführt. Das ist sein Verdienst, und niemand kann ihm diese Leistung nehmen. Aber der Fußball kennt keine Dankbarkeit, die über das nächste Ergebnis hinausreicht. Die öffentliche Rückendeckung der Klubführung ist in solchen Situationen ein zweischneidiges Schwert. Sie kauft Zeit, aber sie erhöht auch den Druck. Jede weitere Niederlage macht die Aussage von gestern zur Hypothek von morgen.
Was mich an der Kieler Situation irritiert, ist die fehlende Reaktion auf dem Platz. In Karlsruhe kassierte die Mannschaft das 0:2 ausgerechnet in einer eigenen Drangphase. Das spricht für taktische Anfälligkeit, für mangelnde Absicherung, für ein Team, das die Balance zwischen Offensive und Defensive verloren hat. Wenn dann noch der gegnerische Kapitän einen Doppelpack erzielt und am Ende sogar einen Elfmeter verschießen darf, ohne dass es etwas am Ausgang ändert, dann ist das Demütigung pur.
Die Verantwortlichen in Kiel stehen vor einer unbequemen Entscheidung. Halten sie an Rapp fest, weil er den Verein kennt und die Mannschaft theoretisch erreichen müsste? Oder ziehen sie die Reißleine, bevor der Abstieg in die dritte Liga zur realen Gefahr wird? Beides hat seinen Preis.
Ich glaube nicht, dass ein Trainerwechsel automatisch die Lösung ist. Aber ich glaube auch nicht, dass Treue allein Punkte bringt. Die Frage ist nicht, ob Marcel Rapp ein guter Trainer ist. Die Frage ist, ob er noch der richtige Trainer für diese Mannschaft in dieser Situation ist. Und wer diese Frage nicht ehrlich beantwortet, riskiert mehr als nur eine Saison.