Hoffenheim in der Champions League: Ist das gut oder schlecht?
Fever Pit'ch-Kolumnist Alex Steudel über den Dorfklub, der mit dem 3:1 in Frankfurt Platz drei gefestigt hat und nächste Saison gegen Barça oder Real spielen könnte
1899 Hoffenheim in der Champions League? Ich weiß nicht, was ich davon halten soll. Ich denke in diesen Wochen oft an die Zeit zurück, in der mich der Emporkömmling schon mal so stark beschäftigt hat wie heute – die Saison 2008/09, eine der verrücktesten der Bundesligageschichte, wenn nicht die verrückteste. Der kleine Aufsteiger TSG Hoffenheim rockte die Liga, wurde Herbstmeister, überwinterte auf Platz eins – und die Fans malten sich schon aus, wie das wohl werden würde, wenn Real Madrid oder Barcelona auf Landpartie nach Sinsheim käme, eine Stadt, deren Einwohner alle zusammen nur eine Kurve des Camp Nou füllen können.
Mein damals achtjähriger Sohn fragte mich in jenem Winter, ob ich ihm ein Hoffenheimtrikot besorgen könne. Ich schaute ihn an, als hätte er einen Sprachfehler.
Dazu kam es damals zwar nicht, und Hoffenheim wurde am Ende auch Siebter – aber irre blieb die Saison. Denn am 20. Spieltag übernahm Hertha BSC (!) Platz eins der Tabelle. Und einen Spieltag später war der Hamburger SV Spitzenreiter der Bundesliga.
Ja, liebe Kinder, richtig gelesen.
Zum Schluss gewann der VfL Wolfsburg die Meisterschaft.
Heute zweifelt zwar niemand daran, dass die Bayern im Mai zum 624stenmal Meister sind, aber an den Gedanken, dass Hoffenheim in die Champions League einzieht, müssen wir uns nach dem 3:1 in Frankfurt so langsam gewöhnen. Die TSG ist Dritte und hat sogar noch das Nachholspiel morgen in Bremen in petto.

Ich gebe zu, ich habe so meine Probleme damit, dass ein Klub ohne Tradition und ohne Zuschauer in der Champions League kickt. Romantisch ist das nicht. Trotz Platz drei und Königsklasse im Visier schafft es der Klub nicht mal, ein Stadion, in das sowieso nur 30.000 Leute passen, immer vollzukriegen. Und wenn, dann nur, weil die Gäste so viele Fans mitgebracht haben.
Hoffenheim fasziniert mich trotzdem. Der Klub strahlt diese berechnende Kühle mit einem Hauch Genialität und Gier nach Erfolg aus; TSG ist, als hätten Margaret Thatcher und Elon Musk ein Kind bekommen.
Ja, dieser Klub ist zugegebenermaßen innovativ. Das Labor der Bundesliga betreibt eine top Nachwuchsarbeit, hat taktisch und technologisch einiges zur Entwicklung des deutschen Fußballs beigetragen (Rangnick, Nagelsmann) und spielt aktuell unter Trainer Christian Ilzer einen sehr attraktiven, offensiven Ball.
Klar hängt das mit dem Geldspeicher zusammen, aus dem der Milliardär und SAP-Gründer Dietmar Hopp seit Jahrzehnten seine Taler in seinen Verein pumpt. Und doch: Ich glaube, Hopp liebt den Fußball wirklich und sieht ihn nicht als Geschäft oder Imagepoliermaschine wie so manch anderer. Und sind die Geschichtsbücher nicht voller Manager, die ebenfalls sehr viel Geld in der Kasse hatten und ihre Klubs trotzdem an die Wand fuhren?
Ich sage nur Schalke oder Hertha oder BVB unter Niebaum/Meier.
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Irgendwas können sie also offenbar schon, die Hoffenheimer, und irgendwie menschlich wirken sie aktuell trotz des Plastikvorwurfs auch: Seit Monaten herrscht intern ein Zoff, der sogar die Bayern bleich werden lässt. Da wird gefeuert, geflucht, beleidigt und werden Stadionverbote ausgesprochen, dass sich die Balken biegen. Und hintenraus kommen Punkte.
Die Uefa hat aber schon Untersuchungen angedroht, weil Hopp in den vergangenen drei Jahren mehr Geld aus eigener, zugegebenermaßen sehr geräumiger Tasche in den Klub gesteckt hat. Die Rede ist von über 100 Millionen Euro in drei Jahren.
Andererseits: Für 100 Millionen kriegt man ja nicht mal einen Jamal Musiala.
Manche sprechen nun von Wettbewerbsverzerrung und 50 minus 1 statt plus 1, was einerseits angemessen, andererseits lustig ist angesichts von Klubs wie ManCity oder PSG, auf die Hoffenheim in der Champions League treffen könnte.
Übrigens: 2018 erreichte die TSG 1899 Hoffenheim zum ersten und bisher einzigen Mal doch die Champions League, gewann aber keines der sechs Spiele gegen Lyon, Donetzk und Manchester City. Was anderes hatte niemand erwartet von einem Klub, der in seiner Geschichte nur einen Pott gewann: den badischen Landespokal, und zwar gleich viermal. Der Trainer hieß immer Hansi Flick. So viel zu Thema Innovation.