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Gündogan: Der neue Stolz der deutschen Nationalmannschaft

Kein Nationalspieler erlebte in seiner DFB-Karriere eine Achterbahnfahrt wie Ilkay Gündogan. Jetzt ist er Kapitän und Kopf einer Mannschaft, die Deutschland begeistert.

Foto: Imago / Uwe Kraft

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Ja, zugegeben: An Ilkay Gündogan bin ich jahrelang verzweifelt. Dass er ein begnadeter Kicker ist: Das sah jeder, der einen Fußball von einem Basketball unterscheiden kann. Seine Bilanz in den Vereinen: Großartig! Meister und Pokalsieger mit Borussia Dortmund, Meister und Champions-League-Gewinner mit Manchester City, zuletzt Dreh- und Angelpunkt beim FC Barcelona. 

Aber Nationalmannschaft? Meistens ein Trauerspiel. Entweder verblühte Gündogan im Schatten von Toni Kroos. Oder verirrte sich im Dickicht der Offensive. Von den 77 Länderspielen vor dieser Heim-EM blieb mir kein einziges im Kopf, von dem ich sagen könnte: Er war der überragende Mann auf dem Platz. Klub-Gündogan und DFB-Gündogan waren zwei verschiedene Fußballer.

Die beiden EM-Spiele gegen Schottland (5:1) und Ungarn (2:0) haben alles verändert. An fünf der sieben Tore war Gündogan maßgeblich beteiligt. Zwei Tore hat er direkt vorbereitet und einen Treffer erzielt: So machen Nationalspieler das, wenn sie als „Zehner“ auf der Position hinter dem Mittelstürmer agieren. Doch das ist nicht der wichtigste Punkt. Es geht um seine Spielführerbinde. 

Ich sah ihn nach dem Ungarn-Spiel bei der Pressekonferenz auf dem Podium. Die Uefa hatte ihn zum Spieler des Spiels bestimmt. Ein Kollege fragte: „Man ist ja nicht immer pfleglich mit Ihnen umgegangen, wenn Sie das deutsche Trikot getragen haben. Fühlen Sie sich jetzt bei dieser EM etwas mehr angekommen? Sie strahlen ja richtig!“

Gündogan verarbeitete die Worte, versuchte ein kindliches Lächeln und konnte seinen Stolz nicht verbergen, der aus seinen Augen blitzte. Er sagte: „Ich spüre vor allem das Vertrauen vom Trainer, von meinen Mitspielern, vom Staff drumherum. Ich fühle mich extrem wohl in dieser Mannschaft. Das ist ein sehr, sehr gutes Vorzeichen, um auf dem Platz frei aufzuspielen.“

Sein erstes Länderspiel hat er vor 13 Jahren bestritten, am 11. Oktober 2011 gegen Belgien (3:1). Er ist jetzt 33 Jahre alt und vielleicht auf dem Höhepunkt seiner turbulenten DFB-Karriere. Niemals war er wertvoller. Niemals unersetzbarer. Man sieht ihn bei der Pressekonferenz und denkt sich: In Gündogan sehe ich den stolzesten Kapitän, den Deutschland jemals hatte.

Vor sechs Jahren, wir erinnern uns, spaltete Gündogan das Land. Er hatte sich wie Mesut Özil zu einem gemeinsamen Foto mit dem türkischen Präsidenten Erdogan hinreißen lassen. Das Foto wurde vor der WM 2018 zum Politikum: Bundestrainer Löw, DFB-Präsident Grindel und sogar Bundespräsident Steinmeier verlangten Aufklärung. Schlimme Wochen waren das.

In Vorbereitungsspielen pfiff ihn das Publikum gnadenlos aus. Er erledigte seinen Job, ja. Aber die Nähe zu Erdogan machte ihn in den Augen derjenigen verdächtig, die Schwarz-Rot-Gold für ein Glaubensbekenntnis halten. Gündogan ist Kind einer Familie, die aus der Türkei in unser Land kam. Eigentlich eine einzigartige Erfolgsgeschichte für Integration. Das aber zählte nicht mehr.

Ein Politiker schrieb in den Sozialen Netzwerken: „Die deutsche Fußball-Nationalelf: 25 Deutsche und zwei Ziegenficker.“ Gündogan hat das gelesen und war angewidert: „Es gibt Leute, die das entstandene Foto für sich politisch genutzt haben. Und in diesem Zusammenhang wurde dann auch teilweise die Grenze zum Rassismus überschritten.“

Die brutale Reaktion der Öffentlichkeit trieb seinen Mitspieler Özil erst recht in Erdogans Arme. Nicht aber Gündogan; dafür ist er zu schlau. Er ließ sich weder instrumentalisieren und noch vertreiben. Er holte sich Rat bei einem Psychologen, erklärte seine Sicht in Interviews, immer wieder. „Ich will nicht davonlaufen“, sagte er damals, „ich will mich der Situation stellen.“ 

Jetzt, sechs Jahre später, ist er Kopf einer Mannschaft, die Deutschland begeistert. Hansi Flick hat ihn im September zum Kapitän befördert, Nachfolger Julian Nagelsmann hat nichts daran geändert. Er brauchte keine Spielführerbinde, um eine Mannschaft durch Krisenmomente zu führen. Er hat die Führungsrolle bei Manchester City gelernt und verinnerlicht.

Sein ehemaliger Trainer Pep Guardiola lüftete kürzlich das Gündogan-Geheimnis in der Umkleidekabine: „Ilkay redete nicht viel, aber wenn er redete, hörten alle zu - auch ich als Manager. Er war klar und geradeaus. Er ist ein sehr kluger Spieler, einer der klügsten, die ich jemals trainiert habe. Er war ein Schlüssel zu unserem Erfolg.“

Davon profitiert jetzt die deutsche Nationalmannschaft. Sein Mittelfeld-Bündnis mit Toni Kroos: der Schlüssel zum Erfolg beim DFB. „Das Gute bei Toni ist: Wenn wir uns beide auf dem Platz anschauen, und wenn es nur für eine Millisekunde ist, wissen wir, was der andere gerade denkt“, erzählte Gündogan nach dem Ungarn-Spiel. „Das ist unfassbar wichtig.“ Sagt es und genießt es.

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