Goldgräber im Amateurfußball: Vom Gönner bis zum Todesengel
Große Versprechen, wenig Substanz: Wie dubiose Geldgeber Vereine aufpumpen, den Markt verzerren und Klubs in den Abgrund führen, erklärt Kolumnist Gerd Thomas
Hopp, Mateschitz, Kühne, Windhorst – die Liste der Mäzene und Goldgräber im deutschen Fußball ist lang. Der hehre FC Bayern ließ sich einst vom CSU-Finanzminister helfen, Borussia Dortmund von den Bayern und landeseigenen Firmen. Schalke propagierte Billigfleisch und russisches Gas, dazu kommen die sogenannten Werksklubs. Emporkömmlinge mit Vitamin B gehören zum Profifußball seit jeher dazu.
Dieses Modell hat längst den Amateurbereich erreicht. Auch dort träumen Funktionäre von schnellen Erfolgen und lassen sich von vermeintlich potenten Gönnern blenden – die sich allzu oft als schlaffe Luftnummern entpuppen. Das Drehbuch ist fast immer gleich: Ein reicher Mann wedelt mit Geldscheinen, im Verein glänzen die Augen, man träumt von Aufstiegen und großen Arenen. Am Ende folgt oft der Absturz.
Die lokalen Medien spielen dieses Spiel nicht selten mit. In Berlin etwa wurde vor einigen Jahren der Verein Berlin United auf Basis vom Club Italia gegründet. Ein Geschäftsmann – oder jemand, der dafür gehalten wurde – präsentierte ein neues Logo, große Pläne und brachte die Hauptstadtpresse in Euphorie. Selbst seriöse Redaktionen legten schnell ihre Skepsis ab.
Von einer „goldenen Zukunft“ war die Rede. Mindestens Liga 3, ein neues Sportzentrum, ein völlig neu erfundener Berliner Fußball. Die Berliner Zeitung titelte sogar „Das Businessmodell“. Der Präsident des Berliner Fußball-Verbands nickte freundlich, Ex-Profis wie Thomas „Icke“ Häßler sollten dem Projekt Glanz verleihen. Spieler wurden eingekauft. Nur eines fehlte: ein solides Fundament. Der Investor hatte weder Ahnung vom Fußball noch verfügte er über die versprochenen Geldquellen. Keine Ahnung, wo er geblieben ist, ob er sich vor Gericht verantworten musste. Der Verein ist heute Geschichte.
Solche Fälle gibt es überall. Türkgücü München reiht eine Farce an die nächste. KFC Uerdingen ließ sich auf einen dubiosen osteuropäischen „Investor“ ein. Viktoria Berlin stürzte nach einem kurzen Höhenflug in die Oberliga ab und steht vor einer ungewissen Zukunft – mal wieder. Borussia Neunkirchen meldete Insolvenz an. Düren, Nordhausen, Bövinghausen sind weitere Mahnmale, deren Liste sich fast endlos fortsetzen ließe.
Der einst ruhmreiche 1. FC Neukölln 1895 hat heute in der Bezirksliga sogar einen anderen Namen, er heißt 1. FC Novi Pazar - natürlich mit 1895, benannt nach einer Stadt im bosnischen Teil Serbiens. Manche Klubs enden in den Niederungen der Kreisligen, andere verschwinden ganz, wie die einst großen Wacker 04, STV Horst-Emscher oder die SC Bergmann-Borsig.
Man könnte darüber lachen oder den Kopf schütteln, doch so einfach ist die Sache nicht. Denn die "Wohltäter" verzerren den Wettbewerb. Sie pumpen kurzfristig absurde Summen in den Transfermarkt und lösen eine regelrechte Völkerwanderung unter Spielern aus. In der Berliner Bezirksklasse wurden aktuell fast zu 5.000 Euro Ablöse für einen Spieler gezahlt – Handgeld extra. Warum? Weil ein einzelner Klubbesitzer es sich leisten kann. Bei anderen rätseln ganze Regionen, woher das Geld für den plötzlichen Reichtum kommt.
Für Vereine, die mit ehrlicher Arbeit, guter Jugendstrategie und stabilen Strukturen erfolgreich sind, ist das verheerend. Ihre Planung kann über Nacht zerstört werden, wenn ein künstlich aufgepumpter Klub in derselben Liga auftaucht - egal in welcher Spielklasse. Die Verbände? Zucken oft nur mit den Schultern – oder setzen Regeln außer Kraft, etwa bezüglich der Pflicht-Jugendteams.
Der verzerrte Wettbewerb ist unsportlich genug, aber am schlimmsten ist der Schaden bei den Ehrenamtlichen. Wenn diese merken, dass ehrliches Engagement und Vernunft gegen prall gefüllte Umschläge und dubiose Geldquellen keine Chance haben, verlieren sie die Lust. Aber ohne sie gibt es keinen Fußball, schon gar keinen moralisch integren. Zu empfehlen ist an dieser Stelle die ARD-Dokumentationen "Milliardenspiel Amateurfußball".
Eckart von Hirschhausen brachte es vor drei Jahren auf den Punkt: „Es ist schwer, ehrenamtlich das zu retten, was andere mit viel Geld zerstören.“ Er kritisiert mit dem Zitat die Diskrepanz zwischen zivilgesellschaftlichem Engagement und der Zerstörungskraft wirtschaftlicher und politischer Prozesse, die von den meisten als „normal“ hingenommen werden.
Auch für den Amateurfußball passt der Spruch erschreckend gut. Fans wie Journalisten sollten immer daran beherzigen: Die Faszination für den großen Auftritt darf nie den gesunden Menschenverstand ersetzen.
Das gilt ebenso für die Berichterstattung über das soeben beendete, abenteuerliche Gerichtsverfahren gegen ehemalige DFB-Führungskräfte. Es endete mit einem Freispruch für den angeklagten Ex-Schatzmeister, womit auch alle anderen Beschuldigten entlastet sein sollten. Die Schmach des Rufmords und die Schande unberechtigter Hausdurchsuchungen durch den Staat bleiben. Nach diesem spektakulären Abschluss des Verfahrens sollte sich nicht nur die Staatsanwaltschaft Frankfurt bei den zu Unrecht Angeklagten entschuldigen.
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