Ein ehrlicher Fußballer! Wer hat denn den hier reingelassen?

Fever Pit'ch-Kolumnist Alex Steudel über den Fall Gregoritsch und die Folgen – vermutlich gibt es keine

Ein ehrlicher Fußballer! Wer hat denn den hier reingelassen?
Foto: Imago / Susanne Hübner

Michael Gregoritsch ist nach den Ereignissen des Osterwochenendes der Friedensnobelpreis kaum noch zu nehmen. Es fühlt sich zumindest so an. Alle Welt lobpreist den Augsburger, weil er nach einem Zweikampf mit dem Hamburger Fabio Vieira im Volksparkstadion nach kurzer Befragung durch den Schiedsrichter zugegeben hatte, gar nicht gefoult worden zu sein. Deniz Aytekin hatte zuvor auf Freistoß in aussichtsreicher Position entschieden.

Potzblitz! Außerhalb des Fifa-Universums wäre so etwas eine völlig normale Sache, aber die Fußballwelt, in der Ehrlichkeit mit "Äh" geschrieben wird, stand still. Reporter sahen sich fragend an. Wir Zuschauer begriffen nicht, was sich da gerade Historisches abgespielt hatte. "Waaaas? Der Schiedsrichter hat ihn einfach so GEFRAGT?"

Eltern hielten ihren Kindern die Augen zu. "Dass du mir sowas bloß nicht nächste Woche gegen Eimsbüttel machst – so steigt ihr nie auf!"

Viele dachten: Ein ehrlicher Fußballer! Wer hat denn den hier reingelassen?

Im Kölner Keller waren sie so verwirrt, dass eine kalibrierte Linie an Gregoritschs Zunge angelegt wurde.

Tatsächlich schränkte sein Trainer Manuel Baum nach dem Spiel (1:1) ein: "Super Aktion, trotzdem finde ich es nicht gut, dass der Schiedsrichter einen Spieler fragt." Und natürlich fand wiederum der nutznießende HSV-Trainer Merlin Polzin Gregoritschs Verhalten "sehr lobenswert. Da sieht man, welch fairer Sportsmann er ist."

Das finde ich übrigens auch. Obwohl in keinem Regelwerk steht, dass Fußballer eine Fehlentscheidung zu ihren Gunsten korrigieren müssen, war's schön, mal ein bisschen Menschlichkeit im Berufsfußball zu erleben.

Es kommt selten genug vor. Als ich mich am Samstag an ähnlich gelagerte Fälle zu erinnern versuchte, fiel mir spontan nur Miroslav Klose ein. Der gab einmal gegenüber dem Unparteiischen zu, ein Tor per Hand erzielt zu haben. 2012 war das, Klose stürmte für Lazio Rom. Italien warf sich dem späteren Weltmeister begeistert zu Füßen.

Weltmeister wurde Deutschland wiederum 1990 auch, weil Rudi Völler kurz vor Schluss mit einer atemberaubenden Schwalbe durchgekommen war. Hätte er damals in der 85. Minute bei Schiri Edgardo Enrique Codesal Mendez ein Geständnis abgelegt und Maradona dann im Gegenzug das 1:0 für Argentinien erzielt – was wäre wohl in Deutschland los gewesen?

Man möchte gar nicht darüber nachdenken.

Mit der Ehrlichkeit ist es eben etwas kompliziert. Mir fällt gerade Andreas Möller und sein legendärer Abflug 1995 gegen Karlsruhe ein. "Wenn ich Ihnen sagen würde, das war eine Schwalbe, dann würde ich den Vogel beleidigen", sagte damals Reporter Werner Hansch. Doch selbst im Höllenfeuer bratend, hätte Möller nichts gestanden. Er sprach von einer "Schutzschwalbe". Der verdankte Dortmund am Ende einen 2:1-Sieg und schließlich die Meisterschaft – mit einem Punkt Vorsprung.

Alles richtig gemacht, denken noch heute 99,7 Prozent der BVB-Fans.

Und wie geht's jetzt weiter nach dem Fall Aytekin/Gregoritsch? Werden alle ehrlicher? Das glaube ich erst, wenn Vinicius Junior bei Real Madrid nach dem nächsten absichtlichen Einfädeln im Strafraum zum Unparteiischen läuft und ihn auffordert, ihm Gelb zu zeigen.


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