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Die Gefahr für Bayer Leverkusen

Der neue Deutsche Meister gewinnt den DFB-Pokal und feiert das Double. Der Erfolg ist historisch und verführt doch schnell zu einem fatalen Irrtum.

Foto: Imago / camera4+

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Irgendwann wird man auf die Fußballsaison 2023/24 zurückblicken und sich die Frage stellen: Wie konnte Bayer Leverkusen 17 Punkte Vorsprung in der Bundesliga herausspielen und das Double aus Meisterschaft und DFB-Pokalsieg gewinnen? 

Denn die zwei Spiele diese Woche zeigten auch: Es gibt durchaus taktische Mittel, die Alonso-Mannschaft zu neutralisieren. Atalanta Bergamo machte es im Finale der Europa League vor und gewann 3:0. Der Zweitligist Kaiserslautern legte im Pokalfinale nach und kassierte nur ein Tor.

In den 34 Bundesliga-Spielen zuvor war keinem einzigen Gegner ein Sieg geglückt. Leverkusen musste lediglich sechs Unentschieden hinnehmen. Die Bilanz klingt so einschüchternd und überwältigend, dass man schnell von einer neuen Ära reden mag. Das ist die eine Sichtweise.

Die andere: So schnell wird der Machtwechsel nicht passieren. Schon der VfB Stuttgart (2007) und der VfL Wolfsburg (2009) sowie Borussia Dortmund (2011 und 2012) führten die scheinbar übermächtigen Bayern vor. Und wurden von der Realität eingeholt: Das Imperium schlug zurück.

Der Gewinn der Meisterschale und des Pokalpotts verführt schnell zu einem fatalen Irrtum: dass man einfach nur so weitermachen muss wie bisher, um die nächsten Erfolge einzuheimsen. Warum etwas ändern, das vorher so wunderbar geklappt hat? Das ist einerseits richtig.

Andererseits liegt genau darin die Gefahr: Bayer Leverkusen ist jetzt der Gejagte. Trainer Xabi Alonso wird es spätestens dann merken, wenn Gegner ihre größte Motivation daraus ziehen, den Meister zu entzaubern, und keine späten Tore die Heldenreise in der Nachspielzeit retten.

Zugegeben, das alles klingt jetzt ein bisschen schwarzmalerisch, weil die Freudengesänge in Leverkusen noch nicht verklungen sind und der Kater noch nicht eingesetzt hat. Aber das ist keine Absicht, sondern soll eher Appell sein: Das eigentliche Meisterstück beginnt erst jetzt!

Das rheinische Dreigestirn aus Klubboss Fernando Carro, Sportchef Simon Rolfes und Trainer Xabi Alonso wird einem schleichenden Gift begegnen, das aus drei Essenzen besteht: Erwartungshaltung, Königsklasse und Ego-Shooting. Ja, die Begriffe muss man erklären.

  • Erwartungshaltung: Wir Sportjournalisten werden womöglich jedes Formtief als Zeitenwende überinterpretieren und Enttäuschungen in Worte fassen. Einen Vorgeschmack lieferte das 0:3 gegen Bergamo: Plötzlich war von „Klatsche“ und „Debakel“ die Rede. Sowas kann verunsichern und ein Krisenmanagement verlangen. Ob Alonso das kann, muss er noch beweisen.
  • Königsklasse: Die Champions League ist die Belohnung für jede gelungene Bundesliga-Saison. Dort wollen Meisterspieler zeigen, dass sie zu den Besten gehören. Nun aus menschlicher Sicht: Wie will man die gleiche Motivation für Festspiele gegen Real Madrid oder Manchester City aufbringen wie für den Bundesliga-Alltag gegen Heiden- und Hoffenheim? Sowas kostet Punkte.
  • Ego-Shooting: Eine Saison erlebten wir Bayer Leverkusen als Star-Ensemble ohne Stars. Alonso tauschte Nationalspieler wie Gelenkstücke in einer Maschine; alles lief wie geschmiert. Wie wird das sein, wenn Spieler aus dem Erfolge ihre Unersetzbarkeit ableiten? Wenn der neue Vertrag maximal von der Spielzeit abhängt? Romantik endet fast immer am Kontostand.

Bayer Leverkusen hat aus zwei Gründen Glück. Erstens: Drei Monate reichen, um sich rechtzeitig auf die Rollenveränderung in der Saison 2024/25 einzustellen. Zweitens: Trainer Alonso macht nicht den Eindruck, dass er sich von der Aufregung rund um den Rasen anstecken lässt.

Er hat bei großen Vereinen gespielt, die Schattenseiten des Erfolgs aus erster Hand erfahren, prominente Lehrmeister als Trainer erlebt: Alonso wird, um im Bild mit dem schleichenden Gift zu bleiben, das passende Gegenmittel verabreichen.

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