Der eingefrorene Fußball: Wenn der Winter den Spielplan sprengt
Schnee, Eis und unsinnige Regeln bringen Berliner Ligen in Bedrängnis und zeigen, wie schnell der Spielbetrieb und an seine Grenzen kommt.
Von Gerd Thomas
So ein Winter war lange nicht mehr. Während realitätsferne Schwurbler – auch im Fußball gibt es davon mehr als genug – Schnee und Eis als angeblichen Beweis gegen die Klimakrise auslegen, kämpfen die Fußballverbände mit ganz anderen Problemen: Trotz der dritten Generalabsage müssen sie den Spielbetrieb organisieren und irgendwie bis zum 30.06. zu Ende bringen.
Die alten Bilder von Bundesligaspielen auf weißen Plätzen mit freigeschaufelten Linien und solchen, die mit roten Sägespänen oder schwarzem Streusplitt markiert waren, nähren bis heute den Mythos der „härteren Kerle“.
Die Wahrheit ist weniger heroisch: Auch früher fielen viele Spiele aus, im Amateurfußball erst recht. Heute kommen neue Risiken hinzu – vereiste Kunstrasen, gesperrte Tribünen wegen Lawinengefahr und Sicherheitsauflagen, die auch der beste Greenkeeper nicht ignorieren darf.
Kunstrasen friert schneller als Naturrasen, Schneeräumung mit Maschinen ist wegen der empfindlichen Nähte oft verboten, Streusalz aus guten Gründen tabu. Gleichzeitig hält eine zur Übervorsicht neigende Gesellschaft viele Kinder ohnehin lieber vor dem Bildschirm als im Schnee auf dem Platz. Zyniker rechnen bereits Armbrüche gegen chronische Krankheiten und Depressionen durch Bewegungsmangel hoch. Sicher ist: Der Winter trifft den Breitensport härter, als es uns jede nostalgische Erzählung weismachen will.
Am meisten leiden die Spielbetriebsleiter. In Berlin verschärft eine 2019 beschlossene Ferienregel die Lage zusätzlich, in der Praxis ist sie ein Albtraum. Die Saison startete spät, bis Weihnachten waren kaum Spiele absolviert. Nachholspiele stauen sich schon jetzt. Die Folge: Trainingspläne der Vereine kippen, der Ärger wächst, die Arbeit für die Ehrenamtlichen auch. Unsere Ü60 soll nun gleich drei Partien in vier Tagen absolvieren – völlig absurd für unsere geschundene Knochen und selbst für fitte Herrenteams nicht durchführbar.
Ein paar Schlaumeier, von denen es hier viele gibt, hatten 2019 einen Antrag gestellt, Spiele der Ü32 und Altligen nicht in den Ferien anzusetzen. Schließlich würden viele mit ihren Kindern in den Urlaub fahren, nicht zuletzt die Oldies mit ihren Enkeln. Wahrscheinlich betreiben die Initiatoren aus dem Prenzlauer Berg ein sportliches Mehrgenerationenprojekt, in dem zweimal im Jahr „Schwäbisch für Fortgeschrittene“ in Goa, der Toskana oder auf La Palma angeboten wird.
Tatsächlich bekam dieser Antrag, den man nur als groben Unfug bezeichnen kann, eine Mehrheit. Mit schweren Folgen, die in diesem Winter besondere Auswirkungen haben. Ich kenne nur wenige Leute, die dauernd mit ihren Enkeln auf Reisen sind, aber wahrscheinlich ist der Schöneberger an sich nicht so reisefreudig. Mal davon abgesehen, könnte man bei akuter Personalknappheit wegen Urlaubsballung um eine Spielverlegung bitten, die auch der unflexibelste Staffelleiter genehmigen würde.
Am Ende wird viel telefoniert, verlegt und verhandelt werden müssen. Solidarität und sportliche Fairness stehen auf dem Prüfstand, Einsprüche vor Sportgerichten sind nicht ausgeschlossen. Denn auch bei den Ältesten geht es um Meisterschaften und Abstiege. Für mich ist klar: Die irrsinnige Ferienregel gehört gekippt!
Noch einmal zu den Leugnern der Klimakatastrophe. Ich bin sicher, dass ich spätestens im Juni wieder einen Text über das Wetter schreiben werde. Dann dürfte es um völlig andere Temperaturen, um fehlenden Schatten auf den Sportanlagen und den Schutz der Kinder und aller anderen Aktiven – inklusive der Schwurbler - vor der brüllenden Hitze gehen.
Die klimagerechte Sportanlage wird künftig eines der großen Themen des organisierten Sports sein. Sie ist kein Luxus, sie ist eine Zukunftsaufgabe. Auch die Profivereine täten gut daran, ihre Fans und Spieler nicht schutzlos Temperaturen von 30 Grad und mehr auszusetzen.
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