Das Beispiel Königsdörffer zeigt: Der Fußball muss lernen, Spielern Zeit zu geben
Ein HSV-Stürmer antwortet mit Toren auf den Hass. Doch sein Fall wirft eine unbequeme Frage an die Fußballöffentlichkeit auf.
„Gehatet wurde ich schon, aber das geht mir relativ am Arsch vorbei." Dieser Satz von Ransford Königsdörffer nach dem 3:2 gegen Union Berlin ist mehr als eine Floskel. Er ist eine Kampfansage an eine Fußballöffentlichkeit, die längst vergessen hat, dass hinter Trikots Menschen stecken.
Ich beobachte seit Jahren, wie sich die Dynamik zwischen Spielern und Fans verändert hat. Soziale Medien haben eine Parallelwelt geschaffen, in der jeder Fehlschuss, jede schwache Phase zum Anlass für Beschimpfungen wird. Königsdörffer hat das erlebt. Der 24-Jährige brauchte Zeit, um in der Bundesliga anzukommen, und diese Zeit wurde ihm von anonymen Kritikern nicht gewährt. Stattdessen prasselten negative Kommentare auf ihn ein.
Was mich an diesem Fall interessiert: Königsdörffer hat sich nicht versteckt. Er hat die Angriffe öffentlich benannt und gleichzeitig klargemacht, dass sein innerer Kreis aus Trainer, Mannschaft, Familie und Freunden besteht. Das ist eine bemerkenswerte Reife für einen Spieler, der noch am Anfang seiner Karriere steht. Während andere an solchem Druck zerbrechen, scheint er ihn als Antrieb zu nutzen.
Königsdörffer zeigt jetzt, was in ihm steckt
Gegen Union Berlin zeigte er dann, was in ihm steckt. Zwei Tore, dazu die Vorbereitung zum dritten Treffer. Im neuen Jahr hat er damit bereits drei Mal getroffen. Robert Glatzel brachte es auf den Punkt: „Es waren sicherlich keine einfachen Wochen für ihn, und dann ist es irgendwie typisch Stürmer." Die Leichtigkeit, die Königsdörffer beim ersten Tor ausstrahlte – satter Schuss, keine zwei Gedanken, lange Ecke – das war die Handschrift eines Angreifers, der seinen Rhythmus gefunden hat.
Doch meine Beobachtung geht über den sportlichen Aspekt hinaus. Der HSV steckt mitten im Aufstiegsrennen, und in dieser Situation ist der öffentliche Druck auf einzelne Spieler besonders hoch. Jeder Fehler wird seziert, jede Schwäche ausgeschlachtet. Königsdörffer stand stellvertretend für die Ungeduld einer Fanszene, die nach Jahren der Enttäuschung endlich Ergebnisse sehen will.
Die Frage, die mich beschäftigt: Was sagt es über den Zustand des Profifußballs aus, wenn ein Spieler erst dann Respekt erfährt, wenn er trifft? Königsdörffer hat bewiesen, dass er mit dem Hass umgehen kann. Aber wie viele Talente gehen an diesem Druck zugrunde, bevor sie überhaupt die Chance bekommen, sich zu beweisen?
Der HSV feiert seinen Doppelpacker, die Mannschaft ist im Flow. Doch wer glaubt, dass die anonymen Kritiker nun verstummen, verkennt die Mechanismen sozialer Medien. Beim nächsten Fehlschuss werden sie wieder da sein. Die eigentliche Frage ist nicht, ob Königsdörffer damit umgehen kann – das hat er bewiesen. Die Frage ist, ob wir als Fußballöffentlichkeit bereit sind, Spielern die Zeit zu geben, die sie brauchen, oder ob wir weiter Menschen verbrennen, bis sie entweder liefern oder zerbrechen.