Breitensport braucht Ermöglicher statt Verhinderer

Ein Gespräch über Amateurfußball macht klar: Ehrenamt und Zusammenhalt sind als Werte wichtiger sind als Tabellen, meint Gerd Thomas

Breitensport braucht Ermöglicher statt Verhinderer
Foto: privat

Als Teaser über einem Video-Podcast, den ich gemeinsam mit Leo-Jonathan Teßmann und Gora Sen im Rahmen ihres Projekts „Denkfabrik Nachwuchsfußball“ aufgenommen habe, steht dieser Satz: „Der Amateurfußball braucht viel mehr Ermöglicher als Verhinderer.“

Knapp 100 Minuten sprechen wir über die gesamte Bandbreite des Amateurfußballs – über Strukturen, Herausforderungen und darüber, warum der Breitensport für unsere Gesellschaft so wichtig ist. https://www.youtube.com/watch?v=Jp67NDStM0I

Die Fragen sind immer noch dieselben:

  • Wie müssen sich Vereine entwickeln?
  • Wie schaffen wir für Kinder mehr Zugänge zum Breitensport?
  • Wann versteht die Politik endlich die Vorzüge des Amateurfußballs?
  • Und wie bringen wir Vereine dazu, solidarischer miteinander umzugehen?

Die großen Themen Ehrenamt und Infrastruktur sind dabei noch gar nicht einmal erwähnt. Im Kern geht es darum, den Breitensport stärker ins Zentrum politischen Handelns zu rücken. Doch dafür muss sich der Amateurfußball selbst auch ein wenig wichtiger nehmen, als er es derzeit tut.

Streik als legitimes Mittel der Jugendtrainer?

Nicht im Sinne von Wichtigtuerei. Sondern im Sinne eines selbstbewussten Hinweises auf seine gesellschaftliche Bedeutung. Vereine leisten Integrationsarbeit, schaffen Begegnungen und geben Millionen Menschen Halt. Solange Ehrenamtliche in Behörden oder politischen Strukturen eher als Belastung, denn als Bereicherung wahrgenommen werden, läuft etwas schief.

Ein befreundeter Jugendtrainer sagt mir regelmäßig, ein bundesweiter Streik aller Trainerinnen und Trainer würde vielleicht endlich zeigen, was passiert, wenn dieses System einmal stillsteht. So wie die Landwirte, allerdings ohne Straftaten zu begehen und Politiker zu bedrohen. Wie sollte ich ihm widersprechen?

Gleichzeitig muss sich der Amateurfußball ein Stück weit neu definieren. Die meisten definieren sich über Siege und Niederlagen oder Auf- und Abstiege. Aber das allein reicht längst nicht mehr. Wir müssen Antworten darauf finden, wie wir mit gesellschaftlichen Spannungen umgehen. In manchen Vereinen gewinnen Menschen Einfluss, die es mit demokratischen Werten nicht allzu genau nehmen. Diskriminierungen und Pöbeleien nehmen zu. Helikopter- und Rasenmäher-Eltern setzen Trainer unter Druck. Das Ehrenamt kämpft vielerorts mit Nachwuchsproblemen.

Der Profifußball taugt nicht als Vorbild

Viele schauen dabei auf den Profifußball und glauben, dort läge das Vorbild für unseren Sport. Mit Verlaub: Das ist eine Verklärung. Der Profifußball ist ein Businessmodell. Mit dem Alltag in Kreis- oder Bezirksligen hat er kaum etwas zu tun. Dort gibt es keinen VAR, keinen Chip im Ball und keinen vierten Offiziellen. Die Schiedsrichter stehen oft allein auf dem Platz. Fehler gehören fast zwangsläufig zum Spiel.

Bei uns in der Ü60 wurde gerade lange diskutiert, ob der Ball vor dem 1:0 im Aus war oder nicht. Niemand konnte es genau sagen. Aber spielt das die größte Rolle? Mit den Jahren haben sich meine Prioritäten ohnehin verschoben. Gute Ergebnisse sind schön, aber wichtiger sind Zusammenhalt, Bindungskraft und Solidarität. Ich bin gewiss niemand, dem egal ist, ob er gewinnt oder verliert. Doch nach Jahrzehnten im Ehrenamt wird klar: Punkte und Tore sind nicht alles.

Ein sehr guter Freund, etwas älter und mindestens so ehrgeizig wie ich, sagte kürzlich zu mir: „Es ist auch nicht so schlimm, wenn wir absteigen. Wir können nicht alles verhindern.“ Und im Hinblick auf die mit Nonsens oder Computerspielen zu Geld gekommenen Influencer, von denen einige gerade den Fußball für sich entdecken: „Manche Vereine haben mehr Geld, professionellere Strukturen oder größere Netzwerke. Und wir wollen diesen Wettlauf nicht um jeden Preis mitgehen.“ Hat man diese Erkenntnis einmal akzeptiert, lebt es sich deutlich entspannter im Fußball.

Es wird immer jemanden geben, der vor einem steht. Selbst wenn man wie die Bayern schon vor der Saison als Meister feststeht, konkurriert man international mit Arsenal, Barcelona oder PSG. Um dort zu bestehen, braucht es vor allem ´noch mehr Geld. Das Rennen um die größten Sponsoren und Mäzene hat mit der eigentlichen Seele des Sports aber wenig zu tun. Das gilt im Profifußball genauso wie im Amateurbereich.

Den Amateurfußball als Korrektiv erhalten

Nach mehr als 55 Jahren auf dem Platz wünsche ich mir vor allem eines: dass wir zusammenstehen, seriös arbeiten und einander respektieren. Die Welt gerät gerade an vielen Stellen aus den Fugen. Der Amateurfußball sollte das nicht auch noch tun.

Er kann immer noch eine Insel des Gemeinsinns sein. Vielleicht kommen die Zeiten mit 500 oder gar 1000 Zuschauern in der Kreisliga nicht zurück. Unsere medial überladene Welt mit ständig aktiven Geräten und permanenten Ablenkungen für das stressgeplagte Hirn setzt andere Prioritäten – nicht unbedingt bessere.

Umso wertvoller ist das, was auf den Amateurplätzen weiterhin passiert. Wenn Kinder, Jugendliche und Erwachsene dreimal oder viermal pro Woche gemeinsam spielen. Wenn sie 90 Minuten oder mehr den Kopf frei bekommen. Wenn sie sich auf etwas konzentrieren, das in unserer Zeit fast schon selten geworden ist: Gemeinschaft, Freude und Leidenschaft.