Böller-Skandal in Essen: Waldhof Mannheim denkt zuerst an sich selbst

Statt Solidarität mit dem verletzten Torwart zeigt der Klub Reflexe zur Selbstverteidigung

Böller-Skandal in Essen: Waldhof Mannheim denkt zuerst an sich selbst
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Ein Torwart geht zu Boden, das Spiel wird unterbrochen, ein 50-Jähriger wird festgenommen. Was am Mittwochabend in Essen passierte, ist schnell erzählt. Doch was danach folgt, offenbart ein Muster, das mich seit Jahren beschäftigt: die reflexhafte Relativierung von Gewalt im Fußball.

Felix Wienand erlitt ein Knalltrauma und eine akute Belastungsreaktion. Das ist keine Bagatelle, das ist eine Verletzung mit potenziellen Langzeitfolgen. Schiedsrichter Lennart Kernchen unterbrach die Partie in der 53. Minute und schickte beide Mannschaften in die Kabinen. Die Polizei ermittelt wegen gefährlicher Körperverletzung und Verstoß gegen das Sprengstoffgesetz. Die Faktenlage ist eindeutig genug, um von einem ernsthaften Vorfall zu sprechen.

Und dann kommt Waldhof Mannheim mit einer Stellungnahme, die ich nur als Versuch der Deutungshoheit lesen kann. Der Klub bestreitet, dass ein Böller aufs Spielfeld geworfen wurde, und spricht von einer Zündung in der letzten Reihe der Gästetribüne. Ich frage mich: Ändert das irgendetwas an der Schwere des Vorfalls? Ein Spieler liegt am Boden, ein Mensch wurde verletzt, die Polizei nimmt einen Tatverdächtigen fest. Ob der Böller nun geworfen oder gezündet wurde, ob er fünf Meter weiter flog oder nicht – das sind Details, die für die strafrechtliche Bewertung relevant sind. Für die moralische Einordnung sind sie es nicht.

Was mich an dieser Reaktion stört, ist die Botschaft, die sie sendet. Statt sich unmissverständlich von der Tat zu distanzieren, folgen halbherzige Genesungswünsche und die Standardformulierung, dass "Böller-Detonationen im Fußballstadion keinen Platz haben". Ausführlicher und markanter wird die eigene Darstellung verteidigt. Statt Verantwortung zu übernehmen, wird die Berichterstattung korrigiert: "Entgegen mehreren Berichten handelte es sich nicht um einen Böllerwurf auf das Spielfeld." Das ist kein Einzelfall. Es ist ein Reflex, den ich bei Vereinen immer wieder beobachte, wenn Gewalt aus den eigenen Reihen kommt.

Der Tatverdächtige ist ein 50-jähriger Mann aus Ludwigshafen. Er wurde per Videobild identifiziert und außerhalb des Stadions aufgegriffen. Die Technik funktioniert, die Strafverfolgung läuft. Aber reicht das? Die Frage, die sich Waldhof Mannheim stellen muss, ist nicht, ob die Medien korrekt berichtet haben. Die Frage ist, wie ein Zuschauer mit Pyrotechnik ins Stadion gelangt und warum die erste Reaktion des Klubs nicht uneingeschränkte Solidarität mit dem Verletzten war.