Böller-Angriff auf Torhüter zeigt: Der Fußball hat seine Verrückten nicht im Griff

Ein Torwart liegt im Krankenhaus, die Rituale der Betroffenheit laufen ab. Doch Konsequenzen passieren halbherzig

Böller-Angriff auf Torhüter zeigt: Der Fußball hat seine Verrückten nicht im Griff
IMAGO/Maximilian Koch

Ein Böller fliegt aus dem Gästeblock, ein Torhüter geht zu Boden, hält sich die Ohren, wird ins Krankenhaus gebracht. Felix Wienand, 23 Jahre alt, erleidet ein Knalltrauma und eine akute Belastungsreaktion. Ich schaue mir die Bilder an und frage mich: Wann haben wir eigentlich aufgehört, uns über solche Szenen zu empören?

Die Partie zwischen Rot-Weiss Essen und Waldhof Mannheim wurde über 40 Minuten unterbrochen. Schiedsrichter Lennart Kernchen schickte beide Mannschaften in die Kabinen. Essens Trainer Uwe Koschinat gestikulierte wütend in Richtung der Mannheimer Fans und brachte es anschließend auf den Punkt: Die Gesundheit eines Spielers sei mutwillig aufs Spiel gesetzt worden. Er befürchtet längerfristige Schäden. Das ist keine Dramatisierung, das ist eine realistische Einschätzung bei einem Knalltrauma in unmittelbarer Nähe.

Mannheims Sportdirektor Mathias Schober reagierte richtig. Er entschuldigte sich, forderte Aufarbeitung und Rechenschaft für die Verantwortlichen. Das sind die richtigen Worte. Aber ich habe diese Worte schon zu oft gehört. Nach Becherwürfen, nach Rauchbomben, nach Spielunterbrechungen. Die Rituale der Betroffenheit sind eingeübt. Die Konsequenzen bleiben aus.

Meine Beobachtung ist diese: Der deutsche Fußball hat ein Gewaltproblem in den Stadien, das er nicht in den Griff bekommt. Nicht weil die Vereine es nicht wollen, sondern weil die Strukturen versagen. Wer einen Böller in Richtung eines Spielers wirft, begeht keine Ordnungswidrigkeit. Das ist Körperverletzung. Aber wie oft werden Täter tatsächlich identifiziert, angeklagt, verurteilt?

Die Vereine verstecken sich hinter dem Argument, sie könnten nicht jeden Fan kontrollieren. Die Verbände verhängen Geldstrafen, die in den Etats versickern. Die Politik schaut weg, weil Fußball ein Massenphänomen ist, an dem sich niemand die Finger verbrennen will. Und die Fans? Die große Mehrheit ist friedlich, aber sie duldet in ihrer Mitte eine Minderheit, die Stadien zu rechtsfreien Räumen erklärt.