Ronaldinho: Ein verhängnisvoller Fehlpass

Doch ohne Glanz auf dem Rasen verlor die Marke Ronaldinho schnell an Strahlkraft – und Roberto beim Versuch, sie wiederherzustellen, die Kontrolle

Ronaldinho: Ein verhängnisvoller Fehlpass
IMAGO/SOPA Images

Wie ein Weltstar ins Gefängnis kam – und was der Fall über das System Profisport verrät.

Es ist ein Bild wie Tausende zuvor: Ronaldinho mit dem Ball am Fuß, mit einem Lächeln im Gesicht – eigentlich wie immer, nur doch ganz anders. Denn das Foto entstand nicht im Camp Nou, nicht im San Siro oder einem der anderen großen Schauplätze von Ronaldinhos großer Karriere. Sondern auf einem schäbigen Hof eines Gefängnisses in Asuncion, Paraguay. Beim lockeren Kick der Insassen.

Bei einem Spiel, in dem Ronaldinho magisch kickte. Fünf Tore erzielte er selbst, sechs weitere bereitete er vor. Ein Spiel, das noch einmal unterstrich, was für ein Genie er mit dem Ball am Fuß war. Aber zugleich ein bitterer Hinweis, wie wenig ihm das im echten Leben half, in dem ihn blindes Vertrauen, fehlende Eigenverantwortung und Naivität in Paraguay hinter Gitter brachten.

Ein Pass zu viel

Am 4. März 2020 wurden Ronaldinho und sein Bruder am Flughafen von Asunción bei der Einreise mit gefälschten paraguayischen Reisepässen erwischt und kamen für 171 Tage in Haft. Ein Skandal, der in erster Linie auf das Konto von Roberto de Assis Moreira geht, Ronaldinhos älterem Bruder, früher selbst Fußballer und seit dem Tod des Vaters 1989 alles für Ronaldinho: Ersatzvater, Berater, Türöffner.

Ronaldinho kickte, Roberto kümmerte sich ums Geschäft. Er fädelte die Deals und Verträge ein, legte sie Ronaldinho vor - und der unterschrieb. Alles, was Roberto ihm vorlegte. Immer. Und ohne zu hinterfragen. Während Ronaldinhos aktiver Zeit bei Barca, Milan oder PSG spülte das jede Menge Geld in die Kasse. Sponsoren und Vereine standen Schlange. Roberto musste nur zugreifen.

Doch ohne Glanz auf dem Rasen verlor die Marke Ronaldinho schnell an Strahlkraft – und Roberto beim Versuch, sie wiederherzustellen, die Kontrolle. Denn er war nicht der Topmanager, für den er sich hielt. Er schloss fragwürdige Deals ab und machte Fehler, die Ronaldinho Millionen und auch seinen brasilianischen Reisepass kosteten. Doch den ultimativen Fehler machte er, als er sich mit Dalia López einließ - und damit die paraguayischen Passaffäre ins Rollen brachte.

Die mysteriöse Gastgeberin

Dalia López, eine Unternehmerin und Gastgeberin Ronaldinhos in Paraguay, sollte dort als Gesicht ihrer Wohltätigkeitsstiftung vorgestellt werden - die laut Staatsanwaltschaft Teil eines Geldwäsche-Netzwerks gewesen sein soll, das bis in die höchsten Politkreise reichte. Lopez verschwand kurz nach Ronaldinhos Verhaftung spurlos - und ist bis heute nicht wieder aufgetaucht.

Und mit der Schlüsselfigur in diesem Fall verschwanden auch Antworten auf wichtige Fragen: Warum hatte sie Ronaldinho und seinem Bruder die Pässe besorgt? Welchem Zweck sollten sie dienen? Für die Einreise nach Paraguay hätten schließlich auch die brasilianischen Personalausweise der Brüder gereicht. Wussten sie von dem Betrug? Sollte Ronaldinho bewusst als Aushängeschild genutzt werden, um die dubiosen Zwecke der Stiftung zu vertuschen? Das alles klärten die Gerichte allerdings nie restlos auf.

Blindes Vertrauen, bittere Konsequenz

Ronaldinho wurde als Mitläufer verurteilt. Er hatte blind vertraut – wieder mal einen Vertrag unterschrieben, bei dem er nicht genau wusste, wofür. Wie so viele Sportstars vor und wohl auch nach ihm.

“Die Mehrheit der Profisportler schenkt ihren Finanzberatern und Managern hundertprozentiges blindes Vertrauen – ohne jede Kontrolle,” schreibt David Byrne auf medium.com. Der ehemalige Finanzprüfer beschäftigt sich eingehend mit Vermögensverlusten im Profisport und kritisiert Sportstars, die Millionen verdienen, aber weder Kontrolle über ihre Geschäfte noch ihr Leben haben.

Sie lassen ihre Manager die Entscheidungen treffen – ohne Kontrolle, in blindem Vertrauen. Und mit teilweise dramatischen Folgen: z.B. leere Konten, Ärger mit der Justiz, Besudelung der eigenen Legende. Die Liste von Sportstars, die das erleben mussten, ist lang: Mike Tyson, Diego Maradona, Boris Becker, sogar Franz Beckenbauer. Wer blind vertraut, kann auch blind betrogen werden und muss für die Folgen gerade stehen. Und Ronaldinhos Geschichte zeigt es erneut.

Die zentrale Lektion

Wurde Ronaldinho von seinem Bruder wissentlich betrogen? Das ist nicht belegbar – und wohl auch nicht wahrscheinlich. Wahrscheinlicher ist: Roberto wusste selbst nicht, was er tat. Vielleicht war auch er zu gutgläubig und wurde selbst betrogen. Aber: Vertrauen ersetzt keine Verantwortung. Und Verantwortung abzugeben, ist immer ein Risiko. Ronaldinho zahlte dafür.

“Genie im Leben” – so sollte Ronaldinhos Biografie heißen. Die wollte er in Paraguay auch noch vorstellen, just an dem Tag, an dem sein Leben eine ungewollte Wendung nahm. Das Buch erschien nie. Vielleicht zum Glück. Denn Ronaldinho war vielleicht ein Genie mit dem Ball – aber ganz sicher nicht im Leben.

Sein Fall ist tragisch – aber kein Einzelfall. Er steht exemplarisch für den Profisport. Für ein System, das seine Stars zu Höchstleistungen drillt, ihnen aber nie beibringt, das eigene Leben zu führen. Es formt Performer – keine Entscheider. Und solange dieses System Verantwortung outsourced statt fördert, werden auch in Zukunft Genies auf dem Platz scheitern – sobald sie ihn verlassen.

Dieser Text basiert auf der Podcast-Folge "Ronaldinho: Ein verhängnisvoller Fehlpass“ aus der Reihe "Tatort Sport - Wahre Verbrechen". Die komplette Folge mit allen Hintergründen, Originaltönen und weiteren Recherchen findet ihr überall, wo es Podcasts gibt.