HSV-Affäre um Kuntz: Zwei Versionen, kaum Fakten – und ein Verein in Erklärungsnot
Die Trennung von Stefan Kuntz beim HSV sorgt für Diskussionen über die Hintergründe.
Der Hamburger SV hat am Montag eine Bombe gezündet, deren Druckwelle weit über das Volksparkstadion hinausreicht. Die Trennung von Sportvorstand Stefan Kuntz, die Anfang Januar noch mit "persönlichen familiären Gründen" erklärt wurde, hat einen völlig anderen Hintergrund: Der Klub spricht von "Vorwürfen eines schwerwiegenden Fehlverhaltens".
Das ist eine Formulierung, die in ihrer Schwere kaum zu überbieten ist.
Was genau Kuntz vorgeworfen wird, bleibt unklar. Die Bild schrieb von „sexueller Belästigung“. Der HSV schweigt zu den Details, verweist auf den Schutz der Betroffenen. Das ist einerseits nachvollziehbar, andererseits entsteht so ein Vakuum, das Spekulationen Tür und Tor öffnet.
Für alle Beteiligten ist das eine schwierige Situation.
Bemerkenswert ist das Vorgehen des Aufsichtsrats. Nachdem die Vorwürfe intern im Dezember bekannt geworden waren, zog der Klub spezialisierte externe Anwälte hinzu. Eine solche Maßnahme ergreift man nicht leichtfertig. Sie signalisiert, dass der HSV die Angelegenheit von Anfang an mit der gebotenen Ernsthaftigkeit behandeln wollte. Nach der Prüfung kam der Aufsichtsrat zu dem Schluss, dass die Vorwürfe "glaubhaft" seien. Auch das ist eine Formulierung mit Gewicht.
Kuntz selbst weist die Vorwürfe "entschieden zurück". Er hat seine Anwälte beauftragt, gegen das vorzugehen, was er als "FALSCHE Vorwürfe und Vorverurteilungen" bezeichnet. Die Großschreibung in seiner Instagram-Stellungnahme unterstreicht seine Empörung. Es gilt die Unschuldsvermutung, das muss an dieser Stelle betont werden.
Offene Fragen beim Hamburger SV
Pikant ist ein Detail aus der HSV-Mitteilung: Kuntz habe trotz mehrfacher Angebote die Gelegenheit zur Stellungnahme gegenüber dem Aufsichtsrat nicht genutzt. Warum nicht? Wer sich zu Unrecht beschuldigt fühlt, würde doch normalerweise jede Chance ergreifen, sich zu erklären. Diese Frage bleibt offen.
Die ursprüngliche Kommunikation des HSV wirft ebenfalls Fragen auf. Anfang Januar war von familiären Gründen die Rede – eine Version, die sich nun als Schutzbehauptung entpuppt. Der Klub begründet das mit dem Wunsch der Betroffenen nach Diskretion. Ob diese Erklärung trägt, muss jeder für sich bewerten.
Für den HSV ist die Angelegenheit sportlich verkraftbar. Der Aufstieg in die Bundesliga ist geschafft, die Mannschaft spielt eine ordentliche Saison. Aber der Imageschaden ist erheblich. Ein Traditionsverein, der tagelang eine Geschichte erzählt, die nicht stimmt – das hinterlässt Spuren.
Am Ende stehen zwei Versionen gegeneinander: Der HSV sieht glaubhafte Vorwürfe, Kuntz spricht von falschen Anschuldigungen. Die Wahrheit wird möglicherweise vor Gericht geklärt werden müssen. Bis dahin gilt: Wer urteilt, ohne die Fakten zu kennen, macht sich mitschuldig an einer Vorverurteilung. Das sollte niemand wollen.