Die schwache Bundesliga ist das große Glück der Gladbacher
Fever Pit'ch-Kolumnist Alex Steudel über die erschreckende Entwicklung von Borussia Mönchengladbach
Sie taumeln durch die Saison. Sie kicken schlecht. Sie haben nur drei Punkte aus den letzten sechs Spielen geholt. Ich weiß nicht, ob ich mich über Borussia Mönchengladbach ärgern oder Mitleid mit Millionen Fans haben soll, die sie so ein Management in ihrem Lieblingsklub nicht verdient haben.
Im September durfte zum Beispiel Trainer Eugen Polanski in die Fußstapfen von Gerardo Seoane treten. Er kriegt die Gladbacher genauso wenig in den Griff wie sein Vorgänger. Das 0:3 in Frankfurt hat's gezeigt.
So, Achtung, wer Gladbach-Fan ist und nicht weinen möchte, sollte den nächsten Absatz überspringen.
Kein Trainer seit Marco Rose (2019-2021) hat es über die 1,5-Punkte-pro-Spiel-Hürde geschafft, also zumindest statistisch gesehen jedes zweite Spiel gewonnen. Hennes Weisweiler und Udo Lattek haben die Marke in den Siebzigern locker genommen und obendrein ständig Titel geholt. Die einzigen Titel, mit denen sich Mönchengladbach heute schmücken kann: Im Aufsichtsrat sitzen zwei Doktoren.
Aber: Die Borussia steht auf Platz 13.
Wie passt das zusammen? Antwort: Die schwache Bundesliga ist das große Glück der Gladbacher.

Laut Opta-KI-Prognose steht die Abstiegswahrscheinlichkeit des Traditionsklubs aktuell unter zehn Prozent.
Wie kann das denn sein? Nächste Antwort: Borussia Mönchengladbach hat das große Glück, dass einige andere Klubs – zum Beispiel Heidenheim, St. Pauli, Wolfsburg und Bremen – noch mieser sind.
Das darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, wie schlecht in den vergangenen Jahren am Niederrhein gearbeitet wurde. "Der Kader benötigt eine Generalüberholung", analysierte gestern der Kicker. "Es müssen Versäumnisse bei der Zusammenstellung der Mannschaft aufgearbeitet und Fehlentwicklungen korrigiert werden."
Für all das ist seit Jahrzehnten die Geschäftsführung verantwortlich. Und zuletzt viel zu lange Roland Virkus. Fast jedesmal, wenn der im September geschasste Sportchef in seiner dreieinhalbjährigen Tätigkeit einen Nagel an die Wand setzte, haute er sich auf die Finger.
Damit summiert sich die titellose Zeit von Borussia Mönchengladbach nun auf schon 11196 Tage – im Juni 1995 gewannen die Fohlen das DFB-Pokalfinale gegen Wolfsburg, Heiko Herrlich, Stefan Effenberg und Martin Dahlin trafen. (Bitte keine Lesermails mit Hinweis auf die "Deutsche Zweitligameisterschaft 2007/08".)
Apropos Effenberg. Der sagte am Sonntag im Doppelpass: "Ich sehe jetzt nicht wirklich dieses System oder die Handschrift von Polanski bei den Spielen, wenn ich Gladbach schaue." Da sind wir jetzt also schon zu zweit.
Nun soll der neue Sportchef Rouven Schröder aufräumen und verpasstes nachholen. Das wird nicht leicht, denn Schröder muss die Gehälter senken. Das ist übrigens das Kuriose an Mönchengladbach: dieser schwindende Erfolg bei hohen Kosten. Außerdem wird wohl Rocco Reitz, 23 Jahre alt und diese Saison noch einer der besten Schlechten im Kader, das Weite suchen, ehe er diesen Titel anschleppt: ewiges Talent.
Am Sonntag geht's nun nach Freiburg. Eine Niederlage kann sich Mönchengladbach eigentlich nicht leisten, Relegationsplatz 16 ist nur drei Punkte entfernt.
Andererseits: Die anderen Klubs da unten verlieren ja auch ständig. Was für ein Glück.
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