Deutschlands Fußballhauptstadt bebt: Erstes Millerntor-Derby seit 15 Jahren
Fever Pit'ch-Kolumnist Alex Steudel über das große Duell FC St. Pauli gegen Hamburger SV heute Abend
Zwei Erstliga-Teams, das 113. Derby. Flutlicht am Abend und vorher Fan-Märsche und -Gesänge in der Schanze und ab Gänsemarkt. Dazu knapp 2000 Polizisten, als würde ein G20-Revival gefeiert. Was heute in Hamburg abgeht, davon können sie in der Hauptstadt oder in der Opernpublikumhauptstadt und in Lüdenscheid-Nord sowieso nur träumen. Liebe Berliner, Münchner und Dortmunder: Ich kriege schon beim Eintippen von H-A-M-B-U-R-G Gänsehaut auf den Fingerkuppen.
Am Millerntor kommt es um 20.30 Uhr zum echten Bundesliga-Derby! Oder zum "größten Derby in Deutschland", wie es St. Paulis Trainer Alexander Blessin ausgedrückt hat, und das stimmt. Das letzte fand hier im September 2010 statt, also vor fünfzehneinhalb Jahren. Das ist ewig her, aber nichts im Vergleich zu München, wo Bayern und 1860 vor 22 Jahren zum letzten Mal aufeinandertrafen, damals noch im weitwinkligen Olympiastadion.
Auch für den Berliner ist der Bundesligisten-Doppelpack Geschichte, seit die Hertha in Liga zwei abgeschwächelt ist. Was mich in Summe neuerdings immer öfter dazu verleitet, meine eMails mit "Viele Grüße aus der Fußballhauptstadt" abzuschließen.
Der Hamburger ist stolz auf das Geleistete. Und ein Olympiastadion wie in München und Berlin gibt es hier übrigens ebenfalls, allerdings nur auf Bewerbungsplänen, die ständig scheitern, weil kein IOC der Welt in keiner denkbaren Konstellation je auf den Gedanken kommen würde, Olympische Spiele hierher zu verlegen.

Und okay, das mit den vielen Polizisten ist natürlich kein Ruhmesblatt: Ab Mittag muss ich mich von meiner Wohnung aus an Dutzenden mit allen möglichen Sicherheitsausstattungen versehenenen Polizeifahrzeugen in Richtung Supermarkt oder Altglascontainer vorbeischlängeln. Ich werde nie verstehen, wie ein so schöner Sport Menschen dazu bringen kann, sich gegenseitig zu vermöbeln. Es findet ja keine Ultimate Fight Night statt.
Und ich muss, ebenfalls einschränkend, ergänzen, dass das Spiel FC St. Pauli gegen HSV schon mal mehr hergab. Beim aufgeführten Duell im Jahr 2010 zum Beispiel war der Hamburger SV amtierender Europapokal-Halbfinalist. Heute hat Hamburg so viel mit Europapokal zu tun wie Butterbrot oder Viktoria Köln. Wir werden auch keinen Weltmeister Manuel Neuer zu Gesicht bekommen oder den besten Bundesligaspieler Harry Kane – nein, es geht es vor allem dreckig zu, und zwar gegen den Abstieg.
Die Lage ist nämlich bedrohlich. FC St. Pauli und HSV praktizieren diese Saison intermittierendes Dreipunktefasten, seit Dezember warten beide auf einen Sieg. Der Kiezklub ist deshalb Letzter. Und die vierzehntplatzierten Rothosen haben dieselben voll, weil ihnen im Falle einer erneuten Derby-Niederlage – am zweiten Spieltag setzte es ein 0:2 in der Müllverbrennungsanlage, wie der FC St. Pauli-Fan das Volksparkstadion nennt – Vollkontakt zur Abstiegszone droht.
Aber das alles juckt Hamburg heute ausnahmsweise nicht – wir freuen uns einfach, dass es das tolle Derby mitten in der Stadt, eingekreist von Kneipen, Bars und Spelunken, wieder gibt.
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