Der Unvollendete muss gehen: Bye-bye, Julian Brandt!
Fever Pit'ch-Kolumnist Alex Steudel über den Dortmunder, der nie ganz über sich herausgewachsen ist
Ich bin am Wochenende ziemlich erschrocken, als ich las, dass Julian Brandt in acht Wochen 30 wird. Für mich ist Brandt immer der ewig 26-Jährige gewesen. Der Typ, der es vielleicht noch schaffen könnte. Also schaffen im Sinne von ganz groß rauskommen.
Leider war die einzige Brandt-Konstante in zwölf Jahren Brandt-Bundesliga das Brandt-Talent. Talent flackerte ständig auf, mit Talent hat er sich durch eine ganze Karriere gemogelt, ohne den Durchbruch zu schaffen. Er hatte das Zeug dazu. Vielleicht war sein Weg zu gemütlich, er traute sich nie zu einem richtig großen Klub.
Jetzt, nach fünf Jahren Leverkusen und sieben Jahren Dortmund, muss Julian Brandt die Borussia verlassen, es wird Zeit. Formschwankungen, ein Führungsfigurproblem, seltene ikonische Momente – und ein Titel in sieben Jahren. Einer. Das ist die Bilanz.
Brandt bekam ja 2013 die Fritz-Walter-Medaille des DFB für herausragende Talente nur in Silber, vielleicht war das schon ein kleiner Wink mit dem Zaunpfahl. Für Gold hat es nur einmal gelangt: Er gewann 2021 den DFB-Pokal. Im Finale spielte er eine Minute.
Das ist mir zu wenig.

Brandt, Typ sensationeller Fußballer in Teilzeit, hatte nämlich sehr gute Phasen und war manchmal weltklasse. Aber die Weltklasse-Phasen waren eben nie entscheidend: Im Champions-League-Finale 2024 gegen Madrid zum Beispiel schwamm er mit. Dabei hätte das sein Moment werden können. Er war 28, auf der Höhe seines Schaffens. Also theoretisch.
Auch im Nationalteam (2016 bis 2024) wird Brandt als Mitglied der Generation Loser in Erinnerung bleiben. Selbst den Gewinn des eher unwichtigen Confederation Cup 2017 beobachtete der gebürtige Bremer zu 81 Prozent der Spielzeit von der Ersatzbank (hab' ich extra ausgerechnet, danke).
Silber bei Olympia 2016 gewann er, okay.
Ich habe auch mal nachgeschaut, mit wem Brandt im Mai 2016 bei seinem ersten Länderspiel gegen die Slowakei auf dem Platz stand, und was diese Mitspieler heute vorzuweisen haben: Gomez, Kimmich, Rüdiger – haben die Champions League gewonnen. Sané – zehn Titel mit Bayern und ManCity. Draxler, Khedira, Götze, Boateng – alle Weltmeister.
Außerdem noch: Hector – Zweitligameister.
Jetzt wird Brandt womöglich die Bundesliga verlassen. Ist irgendwie schade, aber zum Abschied applaudiere ich nur ganz sacht: Ich habe von ihm viel, viel mehr erwartet. Ob er's irgendwo vielleicht doch noch bringt? Ich gönne es ihm, habe aber meine Zweifel.
Ansonsten: Auf nach Amerika!
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