Der neue BVB ist endlich erwachsen

Borussia Dortmund erkämpft sich in der Champions League mit einem 2:0 einen soliden Vorteil für das Rückspiel gegen Atalanta Bergamo. Kolumnist Matthias Esch sieht eine Mannschaft, die in einem Wandel zum Besseren steckt.

Der neue BVB ist endlich erwachsen
Foto: Imago / Sven Simon

Dienstagabend 21 Uhr - Flutlicht an, 3 Grad in Dortmund, volles Stadion, Champions League. Mit dieser Erwartung fahre ich ins Ruhrgebiet und werde erstmal enttäuscht. Weder beginnt das Spiel um 21 Uhr noch ist das Stadion voll. Herbert Grönemeyer gibt in den benachbarten Westfalenhallen ein Konzert, absolutes Verkehrschaos. Der Anpfiff wird 15 Minuten nach hinten verschoben.

Im Gästeblock sind einige Plätze frei, da Atalanta Bergamo sein Ticketkontingent nicht ausschöpft. Komisches Bild, am Ende sind nur rund 76.000 Plätze besetzt.

Die Stimmung im Stadion ist merkwürdig. Die Südtribüne gibt Gas, aber auf die restlichen Tribünen schwappt noch nicht mal ein Fünkchen Euphorie von der gelben Wand herüber. Unzufriedenheit mit der mangelnden spielerischen Klasse unter Trainer Niko Kovac, das ist und bleibt ein großes Thema unter den so kritischen BVB-Fans.

Die Mannschaft und Serhou Guirassy tun dabei früh alles dafür, doch eine magische Europapokalnacht zu kreieren. Das 1:0 ist gut herausgespielt. Das Team wirkt fit, gallig und gierig. Trotzdem gibt es auf der Tribüne viel Murren. "Da musse mehr Gas geben". Der Unterschied zur Saison 2023/24 wird klar. Damals schaffte es der BVB bis ins Endspiel der Königsklasse.

Und das ist eben genau diese beschriebene Skepsis im Stadion. Denn anders als damals versprüht der BVB aktuell nicht mehr diese Soap-mäßige Achterbahnfahrt-Stimmung. In der Liga pfui, aber dafür in der CL so richtige Sahneleistungen. So war es damals. Doch Borussia Dortmund ist unter Kovac eine andere Mannschaft. Abgeklärter spielen sie, aber eben auch nicht so "schön". Vielen Fans passt das nicht. Sie wollen mehr sehen für ihr Geld.

Nach einem 1:0 wird sich prinzipiell erstmal etwas eingeigelt. Der BVB-Fan mag das nicht. Der Fußballkenner findet das gut. Denn taktisch kann man Kovac (zumindest an diesem Abend) exakt gar nichts vorhalten. Er steuert sein Team in einen stabilen Spielaufbau. Die Mannschaft steht gut, spielt körperlich, wirkt hochkonzentriert und schießt am Ende ja trotzdem noch das zweite Tor durch Maxi Beier.

Man kann fast sagen - der BVB ist erwachsen geworden. Wie passend, dass an diesem Abend mit Luca Reggiani ein 18 Jähriger sein Debüt auf europäischer Bühne gibt. Und er spielt genau so wie Borussia Dortmund sich aktuell präsentiert. Souverän: Ohne große Fehler, aber getrieben von der großen Erwartungshaltung zeigt er sich manchmal auch ein wenig unsicher. Wer will es ihm verdenken. Mit 18 Jahren habe ich getestet, wie viel Dosenpils man kurz vorm Sportunterricht trinken kann. Mein Abitur habe ich mit Ach und Krach bestanden. Reggiani meistert seine Reifeprüfung deutlich besser auf höchstem Niveau.

Für Niko Kovac und sein Team kommen nun die absoluten Wochen der Wahrheit. Auswärts in Leipzig, das schwere Rückspiel in Bergamo und dann der Knaller gegen die Bayern. Spätestens dann wird sich wirklich zeigen, ob die Mannschaft wirklich erwachsen ist oder nur einen postpubertären Schub hat.