Bremen auf Abstiegskurs: Würden wir Werder überhaupt vermissen?
Fever Pit'ch-Kolumnist Alex Steudel über den einstigen Bayern-Jäger, der sich dauernd blamiert
Seit dem 0:1 am Samstag in Freiburg, wo sie eine 40minütige Überzahl nicht nutzen konnten, sind die Bremer Drittletzter. Sie stehen auf dem Relegationsplatz, und einige Mitbewohner der Abstiegs-WG – der FC St. Pauli zum Beispiel, Mainz 05, Augsburg oder der HSV – machen aktuell einen deutlich besseren Eindruck. Die zweite Liga winkt den Werderanern also schon zu und lächelt fies.
Es ist so bitter.
Wenn ich an Werder Bremen denke, habe ich nämlich ganz andere Bilder im Kopf. Trainer Otto Rehhagel, der 1992 einen Europapokal in den Nachthimmel von Lissabon hält. Und Trainer Thomas Schaaf, der sich 2004 durchs offene Schiebedach des eben gelandeten Mannschaftsflugzeugs drückt und eine riesige Werder-Fahne schwenkt – vorangegangen war der Gewinn der Deutschen Meisterschaft durch ein 3:1 ausgerechnet beim FC Bayern in München.
Ja, Werder stand mal richtig für was. Die Namen der Spieler ließen Fußballfan- und Paninistickersammlerherzen höherschlagen: Diego, Ailton, Herzog, Klose, Micoud. Völler. Riedle. Özil. Habe ich jemanden vergessen? Bestimmt.
Nemesis, habe ich nachgeguckt, ist die "Göttin der ausgleichenden Gerechtigkeit – sie bestraft Überheblichkeit und Hybris". Werder Bremen entwickelte sich jedenfalls in den 80er Jahren zur Nemesis des FC Bayern.
Das einzige, was Bremen heute noch bestraft: seine Fans. Das einzige, was Bremen heute noch ausgleicht: die Bankkonten entlassender Trainer. Zuletzt Horst Steffen, davor erwischte es zum Beispiel Robin "das Missverständnis" Dutt, Alex "der Überforderte" Nouri, Markus "Impfpassfälscher" Anfang oder Florian "bester Niederlagenerklärer aller Zeiten" Kohfeldt.
Ja, es waren wirklich ein paar spektakuläre Fehlschläge dabei. Entsprechend lautet das beste Werder-Ergebnis seit Platz 3 in der Saison 2009/10 bis heute: Platz acht. Es ging nämlich an der Weser stets eher drunter als drüber.

Die Talfahrt dauert jetzt inklusive Ab- und Wiederaufstieg schon knapp 16 Jahre. Zu behaupten, dass der viermalige Deutsche Meister, sechsmalige DFB-Pokalsieger und Europacupgewinner nur noch ein Schatten seiner selbst sei, ist eine Beleidigung für jeden Schatten. Es tut weh, hinzuschauen.
Aber würden wir Werder überhaupt vermissen? Ich würde eher nicht.
Was sollte ich auch vermissen – den nächsten Missgriff des Managements? Das Fehlerfestival von Frank Baumann, Clemens Fritz & Co. bei Transfer- und Trainerentscheidungen hat schon mehr Tradition als der ganze Klub 1899 Hoffenheim oder RB Leipzig. Aktuell hoffen die Bosse, dass Trainer Daniel Thioune den Karren aus dem Dreck, in den sie ihn selbst gesteuert haben, zieht.
Ja, genau: Thioune. Der Trainer, der in der zweiten Liga beim HSV und in Düsseldorf fünf Jahre lang am Aufstieg gescheitert ist. Zur Belohnung darf er jetzt mit 51 erstmals in seiner Karriere erste Liga ausprobieren.
Ich glaube: Wenn kein kleines Wunder geschieht, wird Werder diese Saison um die Ohren fliegen. Die Gegner heißen dann nicht mehr Bayern und BVB, sondern Magdeburg und Münster. Vergangenen Freitag musste die vierköpfige Geschäftsführung mit Clemens Fritz an der Spitze deshalb beim neuen Werder-Aufsichtsrat antanzen.
Ex-Nationalspieler Fritz erklärte dabei seine letzten Gigantoflops (Boniface, Naby Keita) – und warum er als Erstliga-Manager die Transferregeln so schlecht kannte, dass Werder durchs letzte Transferfenster stolperte, statt sich zu verstärken. "Ich bin auf Verständnis gestoßen", sagte Fritz danach.
Ich wär' so gern dabei gewesen.
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