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# Zum Fußball nach Luckenwalde – ein lohnenswerter Ausflug
- URL: https://www.feverpitch.de/zum-fussball-nach-luckenwalde-ein-lohnenswerter-ausflug/
- Published: 2026-09-28T14:21:03.000Z
- Updated: 2026-09-28T14:24:09.000Z
- Description: Eine Kleinstadt im Brandenburger Fläming stemmt sich in der Regionalliga gegen den Trend und hält über lokale Einheit die Liga - mit Haltung. Ein Reisebericht von Gerd Thomas.
- Author: Gerd Thomas

Nach langer Zeit traf sich unsere Ost-West-Fußball-Wandergruppe mal wieder, dieses Mal tatsächlich bei einem Fußballspiel. Da wir alle in unseren Vereinen involviert sind – im Zweifel als Zuschauer – ist es nicht so leicht, einen gemeinsamen Termin zu finden. Nachdem Jochen beim SV Schmöckwitz-Eichwalde genauso wie ich beim FC Internationale Berlin vor einigen Wochen den Vorsitz abgegeben hat, bleibt nur noch Marcus im Tagesgeschäft. Er ist beim Grünauer BC nicht nur 2\. Vorsitzender, sondern auch Jugendtrainer bei den Minis, wovon er voller Begeisterung erzählte, vor allem von den neuen Spielformen, dem Funino und den dazugehörigen Spielfesten. Die Kinder haben einfach nur Spaß, die Eltern würden endlich die Klappe halten.

Ziel unserer Reise war Luckenwalde, südlich von Berlin im Fläming gelegen, wo Hendrik, der Vierte unseres Quartetts, Geschäftsführer für Sport, Sponsoring und für einiges mehr ist. Das Navi zeigte 73,9 Kilometer von Berlin-Schöneberg bis zum Werner-Seelenbinder-Stadion, kurz Seele genannt, an. Da wir eine gute Stunde vor Spielbeginn da waren, konnten wir bequem unmittelbar vor dem Stadion parken – ganz ohne Parkraumbewirtschaftung, was uns nicht nur finanziell entgegenkam. Schließlich weiß man nie, wie lange sich so ein Nachmittag hinzieht.

## Super Bratwurst und selbst gebackener Kuchen

Im wunderschönen 3000 Zuschauer fassenden reinen Fußballstadion angekommen, orderten die beiden Mitreisenden zur Erfrischung nach der 50-minütigen Autofahrt erstmal ein Bier. Da ich nach einer Fastenkur immer noch abstinent bin, hielt ich mich an Mineralwasser, bestellte aber zum ersten Mal seit Wochen wieder eine durchaus leckere Bratwurst. Anschließend wurde das von ausgesprochen freundlichen Frauen drapierte Kuchenbuffet getestet und für gut befunden. Auch wenn ich in einer Bäckerei/Konditorei groß geworden bin: Selbst gebacken ist am Fußballplatz eben immer noch am besten.

Marcus erkundete schon mal den Fanshop, der liebevoll in einem kleinen Raum organisiert wurde. Der von ihm erworbene Schal „120 Jahre Fußballtradition FSV 63 Luckenwalde“ fand nicht den Weg nach Hause, aber dazu später mehr. Leider vergaß ich auch zu fragen, warum eigentlich 63, aber vielleicht war das die Hausnummer in der Straße des Friedens. Ein Überbleibsel im Osten sind ja die Straßennamen. Überall gibt es Straßen der Einheit, des Friedens, Rosa-Luxemburg-Plätze, Ernst-Thälmann-Alleen, Karl-Liebknecht-Stadien oder eben Werner-Seelenbinder-Sportanlagen. Die stehen auch in Thüringen und Sachsen-Anhalt, wo inzwischen viele Rechtsextremisten ihr Unwesen treiben und auch Sportvereine unterwandern. Wer weiß, wann dort Fußballplätze wieder nach Weltkriegsfliegern oder Wehrmachtsoffizieren benannt werden?

## Werner Seelenbinder: Spitzensportler und Widerstandskämpfer

Thälmann war der bekannteste Kommunisten-Führer der 1920er- und 30er-Jahre, kämpfte leidenschaftlich gegen die Nationalsozialisten und wurde 1944 auf persönlichen Befehl des Massenmörders Adolf Hitler im KZ Buchenwald gequält und umgebracht. Seelenbinder war ein erfolgreicher Ringer, der für Nazideutschland bei den Olympischen Spielen 1936 den vierten Platz errang. Später wurde der kommunistische Widerstandskämpfer von feigen Nazi-Schergen verhaftet, brutal gefoltert und schließlich enthauptet.

Wie in unserer freien Republik scharenweise Menschen auf die Idee kommen, die Geschicke wieder in die Hände von Menschen mit dem Gedankengut der Nationalsozialisten legen zu wollen, ist mir völlig schleierhaft. [Neu-Bundestrainer Jürgen Klopp hat dazu passende Worte gefunden](https://www.feverpitch.de/klopp-will-sich-fahne-zuruckholen/), ohne die Rechtsextremisten direkt beim Namen zu nennen. Apropos Nationalmannschaft: Nach der Inspektion des liebevoll aufgebauten Merchandisings fiel mir ein Trikot von Philipp Lahm auf. Luckenwalde hatte 2006 ein Spiel gegen die deutsche Nationalmannschaft gewonnen und dabei nach 60 Minuten nur 0:7 verloren.

Jetzt ging es aber zu unseren Sitzen. Hendrik hatte uns beste Tribünenplätze besorgt, die Herbstsonne sorgte für angenehme 24 Grad. Da war es gut, dass meine Inter-Mütze an Bord war, Marcus hatte vorsorglich sogar einen Strohhut mitgenommen, der tatsächlich wieder bei ihm zu Hause ankam. Wir staunten nicht schlecht, wie viele Sponsoren im Stadion präsent waren – in der Summe mehr als 100\. Sogar ein großes digitales Display mit wechselnder Werbung, angebracht direkt hinter dem Tor, kam zum Einsatz.

Hendrik erzählte uns später, dass nahezu jeder Gewerbetreibender in der Stadt den Verein mit einer kleinen Summe unterstützt. Die Wohnungsbaugesellschaft und ein paar andere geben etwas größere fünfstellige Summen, doch von den Einnahmen der meist durch städtische Unternehmen gepamperten Liga-Größen aus Halle, Chemnitz, Zwickau, Aue, Erfurt, Jena oder Leipzig ist man meilenweit entfernt. Schon gar nicht wirft man sich einer betuchten Einzelperson an den Hals, so wie es viele Amateurvereine tun – und später oft bitter bereuen.

## Meister müssen aufsteigen!

Zwischen den Bannern im Stadion hing auch ein Plakat mit dem Aufdruck „Aufstiegsreform jetzt oder nie“. Die gewohnt stimmgewaltigen Babelsberger Ultras rollten zudem ein großes Transparent mit der Forderung „Kompassmodell jetzt“ aus. Alle Spieler liefen mit einem T-Shirt „Meister müssen aufsteigen“ auf, der Forderung, die vor allem aus dem Gebiet des Nordostdeutschen Fußball-Verbands (NOFV), aber auch aus dem Norden kommt. Zuletzt musste sich der Ost-Meister Lok Leipzig zweimal in der Relegation geschlagen geben, gegen Havelse und den Bayern-Zweiten Würzburg. Mit Halle und Aue stiegen zwei Schwergewichte des NOFV ab, nur Rostock spielt noch in der 3\. Liga. Cottbus, Dresden, Magdeburg sind in der 2\. Bundesliga, Union und das verhasste RB Leipzig spielen in der 1\. Liga.

Zum Spiel selbst ist wenig zu sagen. Semiprofessioneller Fußball mit ehrlichem Amateurflair, Babelsberg war individuell stärker, auch etwas schneller. Die zwei Tore zur Halbzeitführung kamen in einer ereignisarmen ersten Hälfte ein wenig überraschend, das Ergebnis ging aber in Ordnung. Luckenwalde machte nach dem Wiederanpfiff den Anschlusstreffer, hatte den Ausgleich auf dem Kopf und fing sich dann den dritten Gegentreffer. In der Nachspielzeit wurde es turbulent, denn die Gastgeber kamen noch einmal auf 2:3 heran. Und mit der letzten Chance des Spiels hätte es fast zu einem Punkt gereicht, doch ein Kopfball ging nur an die Latte. Was für ein Pech! Aber so ist das, wenn man unten drinsteht. Mal verliert man, mal gewinnen die anderen.

Die rundum friedlichen Fans verließen etwas ernüchtert das Stadion, hatte man in den letzten Jahren im Derby gegen Babelsberg doch oft die Oberhand behalten. Dieses Mal war das Glück auf Seiten der Nulldreier aus der Landeshauptstadt Potsdam. Wir hörten uns noch die knappe Pressekonferenz an, um dann im Vereinsheim mit dem schönen Namen „Seele“ auf Hendrik zu warten. Er ist übrigens vor zwei Monaten zum Vereinssprecher im NOFV gewählt worden, große Ehre.

## Verfassungsfeindliche Symbole verboten!

Auf dem Weg dahin kamen wir an einem großen Schild vorbei, auf dem eine ausführliche Stadionordnung geschrieben stand. Unter anderen wird darin darauf hingewiesen, dass verfassungsfeindliche Symbole ausdrücklich untersagt sind - Messer, Drohnen, Pyrotechnik und Hunde ebenso. Darunter steht: tolerantes Brandenburg. Vorbildlich! Auch Luckenwaldes Präsident gesellte sich zu uns und erzählte, wie er zum Posten gekommen war. „Das war in einer langen dunklen Nacht am Stadion. Da sagte jemand, ich solle das doch machen, dann war es geschehen. Ich bin ja hier geboren, und Spaß macht es auch.“

Die Möglichkeiten, in einer Gemeinde wie Luckenwalde aktiv zu gestalten, sind gegenüber dem stets zaudernden Berlin mit seinen zehntausenden Bedenkenträgern fast paradiesisch. Doch auch in der Kleinstadt gibt es Auseinandersetzungen um Baugenehmigungen, selten auch Beschwerden von Nachbarn. Diese sind im Gegensatz zu vielen anderen Städten und Gemeinden vernünftiger und haben Augen im Kopf. Soll heißen: Wenn sie in ein Haus in der Nähe einer Sportanlage ziehen, erkennen sie, dass diese existiert und tatsächlich benutzt wird.

Diese seherischen Fähigkeiten sind vielen Anwohnern in Berlin, München, Köln, aber zunehmend auch in kleinen Dörfern, nicht gegeben. Warum die Politik die Gesetze nicht dahingehend ändert, dass Sport geschützt werden muss, wird mir immer ein Rätsel bleiben. Aber Merz und Klingbeil haben mit aktivem Sport nichts zu tun, und der Berliner Bürgermeister spielt bekannterweise in der Halle Tennis.

## Und dann gibt es auch noch Radball

Nach einigen Kaltgetränken und Klosterbruder-Kräuterschnäpsen – Pfeffi war aus – traten wir den Rückzug an. Es war ein wunderbarer Nachmittag mit wunderbaren Menschen in einem großartigen Stadion und einer großartigen Vereinsgaststätte. Nebenan entdeckte ich noch den örtlichen Radballverein, was bei mir gleich Kindheitsgefühle auslöste. Denn in den 1960er- und 70er-Jahren hatte die Sportschau ihren Namen noch verdient, wurde doch tatsächlich noch etwas anderes als Fußball gezeigt: z. B. Ringen (da war Luckenwalde nach der Wende mal Deutscher Meister), Galopprennen, Turnen, Leichtathletik und eben Radball, was ich geliebt habe. Dort dominierten die tschechischen Pospíšil-Brüder die Wettkämpfe fast nach Belieben, den deutschen Akteuren blieben „nur“ Silber oder Bronze.

Auf der Rückfahrt nach Berlin bewunderten wir den großartigen Vollmond über der wunderbaren Brandenburger Landschaft. Durch eine Umleitung sahen wir noch ein wenig von der Umgebung, ehe wir hinter Berlin nach Eichwalde einbogen, um Jochen abzusetzen. Weiter ging es quer durch den Wald nach Grünau zu Marcus, der sichtlich ruhiger geworden war und seinen frisch erworbenen Fan-Schal im Auto liegen ließ. Ich bringe ihm den demnächst vorbei. Das Gelb und Blau der Luckenwalder sind zwar nicht dieselben wie die seines Grünauer BC, aber so kommt mal ein bisschen Farbe ins Schwarz-Weiß. Ich ließ ihn in der Nähe der berühmten Regattastrecke raus und kam nach einer weiteren halben Stunde wieder in der lauten Berliner Innenstadt unweit des nicht weniger berühmten Schöneberger Rathauses an. Die Straßen waren wieder frei, der Marathon war längst vorbei und in diesem Jahr völlig an uns vorbeigegangen.

## Warum ist der Stellenwert des Sports so gering?

Was ich mich nach solchen Reisen immer wieder frage: Warum hat der Sport in Berlin so einen geringen Stellenwert? Nur unser Stadtteil Schöneberg hat sechsmal so viele Einwohner wie Luckenwalde mit seinen 21.000\. Doch dort stehen genauso viele Sportplätze wie bei uns. Die ärztliche Versorgung mag in der Großstadt besser sein, die sportliche Infrastruktur hingegen ist eine Katastrophe.

Aber lieber machen wir Kampagnen gegen Einsamkeit (auch bei Kindern und Jugendlichen), statt diesen mit mehr Sportmöglichkeiten die Gelegenheit zu geben, Freunde im Verein kennenzulernen. [Ewald Lienen fragte jüngst in unserem Hartplatzhelden-Podcast mehrmals, warum die Krankenkassen diesen Unfug mitmachen.](https://plus.rtl.de/hartplatzhelden-podcast-p%5F31209) Vielleicht hätte man vor der gescheiterten Olympiabewerbung einmal darüber nachdenken sollen, wie man den Breitensport glaubhaft fördern will. Dann wäre vielleicht auch ein wenig Begeisterung für die Spiele bei den Aktiven in den Vereinen ausgebrochen.

Wie auch immer: Auf jeden Fall ist Luckenwalde eine Reise wert. Und vielleicht reicht es ja auch in dieser Saison wieder, auch wenn es nicht leicht werden wird. Doch man liegt nur zwei Punkte hinter der Konkurrenz zurück, das ist machbar. Mal sehen, wohin es uns beim nächsten Mal treibt. Vielleicht wieder nach Schöneberg, denn Mitte Oktober kommt der SC Schmöckwitz-Eichwalde zum FC Internationale III.

Dann heißt es Kreisliga statt Regionalliga, aber wird bestimmt auch schön. Und der Weg zur über die Grenzen hinaus bekannten Traditions-Destille E. & M. Leydicke ist anschließend nicht weit. Fanschals gibt es da nicht, aber dafür jede Menge selbstgemachte Fruchtweine und Liköre. Leitspruch des Inhabers: "Der Berliner hat keine Kultur, der säuft immer Bier!" Bestimmt legt er wieder "My oh my" von *Slade* auf, zu dem dann alle Fußballfans selig schunkeln können und das schale Gefühl der Niederlage schnell vergeht: „You've got troubles on your own, no need to face them all alone We can all swing together, my oh my.“