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# Kinderschutz im Jugendfußball: Wir brauchen mehr Haltung!
- URL: https://www.feverpitch.de/kinderschutz-im-jugendfussball-wir-brauchen-mehr-haltung/
- Published: 2026-10-11T11:55:24.000Z
- Updated: 2026-10-11T12:08:25.000Z
- Description: Kinderschutz im Fußball ist nicht nur Pflichtaufgabe für Ehrenamtliche. Er muss zur Chefsache von Vereinen, Verbänden und Eltern werden, meint Gerd Thomas.
- Author: Gerd Thomas

Sexuelle Übergriffe im Fußball – oft schwerster Art – das ist das Thema einer aktuellen [ZDF-Dokumentation](https://www.zdf.de/reportagen/tatort-jugendfussball---missbraucht-im-eigenen-verein-movie-100). Danke an die Journalistinnen und Journalisten, die das Thema aufgegriffen, recherchiert und filmisch umgesetzt haben.

Die allgemeine Betroffenheit ist groß. Wobei: Ist sie das wirklich?

Seriöse Medien greifen das Thema auf – das ist ausdrücklich zu begrüßen. Die DFB-Vizepräsidentin Silke Sinning spricht im Film offen davon, dass die gezeigten Fälle wohl nur die Spitze des Eisbergs sind. Die einzige gewählte Landespräsidentin stellt sich den Fragen und der Diskussion. Man ist versucht zu sagen: Natürlich eine Frau.

Sie wünscht sich mehr Personal: 20 Stellen für Menschen, die durch die Republik reisen und die Landesverbände unterstützen. Eine unterstützenswerte Forderung, in meinen Augen aber nicht ausreichend.

Von den anderen Spitzen des Verbandes hört man wenig. Dabei wäre es wichtig, dass sich DFB-Präsident Bernd Neuendorf äußert. Oder sein erster Vizepräsident für Amateurfußball, Ronny Zimmermann. Oder Hermann Winkler, der beim DFB für Jugend zuständig ist und dem Nordostdeutschen Fußball-Verband vorsteht.

Wo sind die Präsidenten und Jugendverantwortlichen der Landesverbände, die sich zusammentun und fordern: Es muss endlich mehr passieren? Wo sind die Funktionäre, die versichern: „Wir machen das jetzt zur Chefsache“?

## Es braucht mehr als Workshops

Neben mehr Personal braucht es vor allem etwas anderes: Haltung.

Doch wer den Amateurfußball kennt, weiß: Kinderschutz und das Safe-Sport-Programm werden oft nicht als Notwendigkeit und Hilfestellung verstanden, sondern als Belastung. Die Verbände geben Workshops in Auftrag, weil sie es müssen. Die Vereine schicken Trainer und Vorstände dorthin, weil sie es müssen. Und die Kontrollen, ob alle teilgenommen haben, sind – vorsichtig gesagt – zurückhaltend.

Treffen sich Vereinsvorstände, stöhnen sie: „Was sollen wir denn noch alles machen?“ Die Überlastung ist bei vielen längst erreicht. Das weiß ich aus meinen Workshops zur Stärkung des Ehrenamts im Sport. Zudem war ich mehr als 20 Jahre in der Vorstandsarbeit eines vielfach ausgezeichneten Vereins tätig.

- Ich habe als Kindertrainer gearbeitet. Heute würde ich sehr vieles anders machen. Zum Beispiel die Kinder nicht mehr anbrüllen, wenn sie anders spielen, als ich es mir gewünscht habe.
- Ich war Jugendleiter. Heute würde ich von meinen Trainern deutlich mehr Bereitschaft verlangen, soziale Kompetenzen aufzubauen.
- Ich war Vereinsvorsitzender. Heute würde ich den Jugendbereich und die Jugendleitung konstruktiver unterstützen.
- Ich bin weiterhin Mitglied im Beirat des Berliner Fußball-Verbands.

Bei der nächsten Beiratssitzung will ich das Thema einbringen. Wohlwissend, dass viele Anwesende genervt sein werden, weil ich ihnen Zeit stehle. So ist das leider oft: Das Verständnis für gesellschaftliche Verantwortung und Themen abseits des klassischen Spielbetriebs ist gering. Dabei sollte Kinderschutz selbstverständlich als Thema auftauchen.

## Wir alle wissen um den Handlungsbedarf

Natürlich brauchen wir Schulungen. Und natürlich brauchen wir die Informationen aus der Dokumentation. Wobei wir eigentlich alle längst wussten, dass Handlungsbedarf besteht. Wir wussten nur nicht, wo – und wer betroffen ist. Auch wenn es Ahnungen gab und gibt.

Was Vereine und Verbände aber genauso dringend wie Fortbildung brauchen, ist etwas anderes: **Haltung!** Im Sinne unserer Spielerinnen und Spieler.

Vor rund fünfzehn Jahren nahm ich als Jugendleiter an einer Schulung des Berliner Fußball-Verbands teil. Was wir dort erfuhren, zog uns die Schuhe aus. Die Workshopleitung zeigte Fälle gravierender Übergriffe auf. Gleichzeitig sagte man uns, wie groß die Verantwortung und gegebenenfalls auch die Haftung von Jugendleitungen und Trainern sein könne.

Auf meinen Einwand, uns könnten bei so viel Verantwortung Trainer abhandenkommen, erhielt ich eine verstörende Antwort: „Es geht ja nicht darum, dass wir alles genau wiedergeben. Wichtig ist, dass wir dokumentieren können, über das Thema gesprochen zu haben.“

Ich verließ den Raum fassungslos. Eigentlich hätte ich das irgendwo melden sollen. Doch wo? Und wer will schon der „Nestbeschmutzer“ sein? Heute weiß ich: Ich hätte deutlicher nachhaken müssen. Wir Verantwortliche haben den Auftrag, junge Menschen zu schützen und ihnen ein sicheres Umfeld zu geben.

## Zwei Stunden Schulung allein reichen nicht

Schulungen helfen. Aber so, wie sie oft aufgebaut sind, reicht es nicht. Man nimmt sich zwei Stunden Zeit, darf online teilnehmen und kann sogar die Kamera ausschalten. Das reicht nicht.

Wir müssen die Diskussion dauerhaft auf die Tagesordnung bringen. In der Öffentlichkeit, auch bei Eltern und Aktiven. Täter müssen wissen, dass wir wachsam sind. Aber wir müssen uns auch vergegenwärtigen: Opfer kommen nach Taten nicht von selbst zu uns. Wir müssen Sensibilität schaffen und uns klar werden, wie wir Kinder und Jugendliche schützen können. Und wie wir miteinander umgehen wollen.

Wir müssen die Möglichkeit sexueller Übergriffe ernst nehmen und ihnen vorbeugen. Auch Diskriminierung muss geächtet und gemeldet werden. Verbale Gewalt gehört in die Trainerausbildung.

Und selbst wenn ich mir keine Freunde mache: Auch das Schiedsrichterwesen gehört in die Diskussion. Wenn Platzwarte Eltern von Jungschiedsrichtern warnen, dass ihr Kind die Kabine nicht allein mit einem älteren Kollegen teilen sollte, können die Erziehungsberechtigten entsprechend reagieren. Sind die Eltern nicht dabei, kann der Junge oder das Mädchen gefährdet sein.

## Verantwortung lässt sich nicht delegieren

Wenn wir ernsthaft etwas für unsere Schutzbefohlenen tun wollen, dann müssen sexuelle Übergriffe, verbale Gewalt und die Abhängigkeit von Kindern und Jugendlichen von ihren Trainern ins Zentrum unserer Diskussionen rücken. Zum Beispiel als verpflichtendes Thema bei Elternabenden.

Wird das passieren? Ehrlich gesagt: Ich bin skeptisch. Aber wir müssen es versuchen – und Mitstreiter finden.

Vielleicht hilft der Blick ins Ausland, wo einige Nationen scheinbar weiter sind. Silke Sinning sagt: „Der Kinderschutz muss Vorrang gegenüber dem Datenschutz haben.“ Recht hat sie. In der Realität dürfte aber schon ein Register beim Verband mit den Namen aller Trainer ein Problem darstellen.

Dabei könnte man dort Auffälligkeiten erkennen. Zum Beispiel, wenn Trainer sehr häufig den Verein wechseln. Oder wenn es Gründe für eine Trennung gab, über die man öffentlich nicht sprechen möchte – die für einen potenziell neuen Verein aber wichtig wären.

## Funktionäre müssen sich der Debatte stellen

Klar muss allen sein: Vorstände, Jugendleitungen, Trainer und Eltern tragen Verantwortung. Wenn wir uns wirklich um die Zukunft des Fußballs sorgen, dann müssen wir die Diskussion intensivieren. Im Verein und in den Verbänden.

Für den DFB und seine Landesverbände heißt das: Man kann diese Debatte nicht an eine einzelne Vizepräsidentin abschieben. Ist das Thema Funktionären und Verantwortlichen zu viel, sollten sie gut überlegen, ob der Job im Fußball noch der richtige für sie ist.