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# Infantino kauft sich mit einem Reformbrief Zeit – der DFB darf sie ihm nicht schenken
- URL: https://www.feverpitch.de/infantino-kauft-sich-mit-einem-reformbrief-zeit-der-dfb-darf-sie-ihm-nicht-schenken/
- Published: 2026-09-22T11:07:53.000Z
- Updated: 2026-09-22T11:24:08.000Z
- Description: Eine Untersuchung, die der Fifa-Präsident selbst beim Rat beantragt. Dazu eine Konsultation mit Ablaufdatum. Und im selben Brief die Ankündigung, weiterzumachen. Wer jetzt abwartet, hat schon gewählt.
- Author: Pit Gottschalk
- Tags: #kommentar2

FIFA-Präsident Gianni Infantino hat am Montagabend an die Präsidenten der 211 Mitgliedsverbände und an die Mitglieder des FIFA-Rats geschrieben, des Gremiums, das die Strategie des Weltverbands bestimmt. Er will den Rat fragen, ob der eine unabhängige externe Untersuchung der FIFA-Governance in Auftrag gibt, und bietet Konföderationen und Verbänden eine „zeitlich begrenzte“ Konsultation über die Entscheidungswege der FIFA an. Zurücktreten will er nicht: Er bleibe „voll und ganz dazu verpflichtet, die FIFA zu führen“.

Seine Gegner sitzen vor allem in Europa. Die Europäische Fußball-Union UEFA bereitet eine Strafanzeige in der Schweiz vor, zehn europäische Verbände haben Infantino die Unterstützung für die Wiederwahl im März 2027 entzogen. Und DFB-Präsident Bernd Neuendorf nennt das Vertrauen zu ihm „zerrüttet“, ohne dass der DFB den formalen Schritt schon gegangen wäre.

Beide Seiten haben einen Punkt: Infantino bietet genau die Prüfung an, die seine Kritiker verlangen – und die Kritiker haben noch keinen Gegenkandidaten.

## Was man zum Infantino-Brief wissen muss

- **Der Kalender ist das eigentliche Argument des Briefs.** Am 8\. und 9\. Oktober treffen sich die Präsidenten der 55 UEFA-Verbände in Berlin, dort soll über einen Gegenkandidaten entschieden werden. Am 15\. Oktober tagt der FIFA-Rat in Zürich, am 18\. November endet die Frist für Kandidaturen, gewählt wird beim Kongress im März 2027\. Eine Untersuchung, die der Rat frühestens Mitte Oktober beauftragt, ist bis zum Kandidaturschluss kaum fertig. Bis dahin hat Infantino auf jede Rücktrittsforderung dieselbe Antwort: Warten wir doch erst das Ergebnis ab.
- **Wer die Prüfung beantragt, bestimmt auch ihren Auftrag.** Infantino will den Rat fragen, ob er die Governance „für große strategische Projekte“ untersuchen lässt. Das klingt nach Aufklärung, begrenzt sie aber im selben Satz auf ein einziges Themenfeld. Offen ist außerdem, wer die Fragen schreibt, wer die Prüfer auswählt und wer den Bericht als Erster zu lesen bekommt.
- **Das Investorenprojekt ist der Kern des Streits.** Ende Juli hatte die FIFA eine neue Tochtergesellschaft vorgestellt, die FIFA Forward Enterprise, in der die Vermarktung von WM und Klub-WM gebündelt werden sollte. 20 Prozent davon sollten an private Investoren gehen, für bis zu 4,2 Milliarden Dollar bei einer Bewertung von 20 Milliarden. Nach heftigem Widerstand, vor allem aus Europa, ist der Plan vom Tisch, und im Brief räumt Infantino Fehler und Missverständnisse ein. Wie ein solcher Plan überhaupt so weit kommen konnte, erklärt der Rückzug allerdings nicht.
- **Die Opposition hat eine Forderung, aber noch keinen Namen.** Die Kritiker verlangen Infantinos Rücktritt, einen Nachfolger nennen sie nicht. Neuendorf wünscht sich an der FIFA-Spitze „eine integre Persönlichkeit“, wer das sein soll, sagt er nicht. Solange das so bleibt, ist Infantinos Reformangebot das einzige konkrete Papier auf dem Tisch. Und wer nur Nein sagt, verliert Abstimmungen in einem Verband, in dem jedes der 211 Mitglieder eine Stimme hat.
- **Der DFB steht zwischen Wort und Tat.** Neuendorf ist DFB-Präsident und sitzt zugleich im FIFA-Rat, also in dem Gremium, das am 15\. Oktober über Infantinos Vorschlag befindet. Mitte September, am Rande der Sitzungen von UEFA-Exekutivkomitee und FIFA-Rat im griechischen Thessaloniki, sagte er, das Vertrauensverhältnis zu Infantino sei „natürlich zerrüttet“. Zehn europäische Verbände haben Infantino inzwischen offiziell die Unterstützung entzogen, darunter England und Italien, zuletzt Frankreich und Österreich. Der DFB hat das bisher nicht getan. Wie lange kann der größte Einzelsportverband der Welt Kritik üben, ohne daraus die Konsequenz zu ziehen?
- **Europa allein hat keine Mehrheit.** Die UEFA stellt 55 der 211 Stimmen im FIFA-Kongress. An ihrer Seite steht bislang der Verband für Nord- und Mittelamerika und die Karibik, CONCACAF, während Afrika, Asien und Südamerika weiter zu Infantino halten. Wer ihn ablösen will, braucht also Stimmen aus Kontinenten, deren Verbände stark vom Entwicklungsgeld der FIFA profitieren. An diesen Stimmen entscheidet sich, ob die Offensive der UEFA eine Wahlkampagne ist oder bloß ein Protest.
- **Die UEFA hat ihre schärfste Waffe schon aus der Hand gelegt.** Im August hatte sie noch mit dem Boykott aller FIFA-Turniere gedroht. Am 26\. August setzte sie ihn „vorläufig“ aus, nachdem die FIFA schriftlich zugesichert hatte, einen vergleichbaren Investorenplan nie wieder vorzulegen; an seine Stelle trat eine indirekte Rücktrittsforderung. Geblieben sind eine Strafanzeige, die bei einem Schweizer Gericht eingereicht werden soll, und Anträge bei US-Gerichten auf Herausgabe von Unterlagen der FIFA und des vorgesehenen Investors. Beides wird dauern, und die Drohung, die wirklich wehgetan hätte, ist bis zur Wahl vom Tisch.
- **Für die Bundesliga ist das kein Gremienthema.** Über die Klub-WM, die Abstellung von Spielern für Länderspiele und den internationalen Rahmenkalender wird in Zürich entschieden, am Sitz der FIFA. Geht Infantino mit einem Reformangebot in der Hand in seine vierte Amtszeit, hat er in den nächsten Jahren keinen Anlass mehr, auf Europas Klubs zu hören.
- **Woran man den Brief in acht Wochen messen kann.** An drei Dingen: ob der Rat am 15\. Oktober die Untersuchung tatsächlich beauftragt, wer sie leitet und ob bis zum 18\. November ein Gegenkandidat feststeht. Fehlt das dritte, war der Brief kein Zugeständnis, sondern die erste Wahlkampfrede.