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# Hauptsache attraktiv: Deutschland fordert volles Risiko von Klopp
- URL: https://www.feverpitch.de/hauptsache-attraktiv-deutschland-fordert-volles-risiko-von-klopp/
- Published: 2026-09-22T11:15:33.000Z
- Updated: 2026-09-22T11:39:09.000Z
- Description: Die Fans nehmen dem Bundestrainer den Ergebnisdruck ab, bevor sein erstes Spiel am Donnerstag beginnt. Was sie dafür in der Umfrage des Bundesliga-Barometers verlangen, ist schwerer als ein Sieg.
- Author: Pit Gottschalk

„Wir haben keine A- oder B-Mannschaft gemacht. Wir wollen – und das ist im Fußball normal – alle vier Spiele gewinnen“, sagte Jürgen Klopp Donnerstag, als er auf dem DFB-Campus in Frankfurt [seine 44 Spieler](https://www.feverpitch.de/gleich-zwei-kader-klopp-beruft-44-spieler-16-debutanten/) für die Nations League vorstellte. Der Satz sollte die Zweifel an seinem Doppelkader ausräumen: Wer gegen die Niederlande und Griechenland spielt, ist nicht mehr wert als die 20, die danach gegen Serbien und in Thessaloniki ran dürfen. Mit dem Versprechen, alle vier Spiele zu gewinnen, hat sich der neue Bundestrainer allerdings eine Latte gelegt, die ihm niemand hingelegt hätte.

Die Fans verlangen nämlich etwas anderes: Das [Bundesliga-Barometer](https://bundesligabarometer.de/) hat 6.387 Anhänger der Liga gefragt, welchen Fußball sie von der Nationalmannschaft sehen wollen. 74,4 Prozent wünschen sich "attraktiven, offensiven Fußball - auch auf die Gefahr von Gegentoren“. 22,2 Prozent ist der Stil egal, Hauptsache, die Mannschaft gewinnt. Sicherheitsfußball mit wenigen Gegentoren wollen 3,5 Prozent, das sind gerade mal rund 220 Befragte.

Nach einer Weltmeisterschaft, die im Sechzehntelfinale [gegen Paraguay im Elfmeterschießen](https://www.feverpitch.de/klopp-entsetzt-wir-haben-nicht-funktioniert/) zu Ende ging, hätte man den umgekehrten Reflex erwartet: erst mal hinten dicht, erst mal keine Blamage. Den Reflex gibt es nicht.

Für sein Debüt am Donnerstag in Amsterdam tippen 41,1 Prozent auf ein Unentschieden und nur 30,8 Prozent auf einen deutschen Sieg. Die Leute rechnen also gar nicht damit, dass Klopp alles gewinnt. Hauptsache attraktiv: Deutschland fordert volles Risiko von Klopp.

Das Risiko schließt die Personalien ein. 87,5 Prozent finden es richtig, dass Klopp konsequent auf junge, unerfahrene Spieler setzt, „auch wenn das kurzfristig zu mehr Fehlern führen kann“. Nur 13,1 Prozent hätten sich mehr Etablierte gewünscht. Sein Kader ist im Schnitt 25,7 Jahre alt, der WM-Kader seines Vorgängers Julian Nagelsmann war 28,0\. Die Fehler, die mit dieser Verjüngung kommen, sind damit schon eingepreist, und so einen Kredit hat vor dem ersten Spiel kaum ein Bundestrainer bekommen.

Er hat natürlich mit Klopps Biografie zu tun. Als Trainer von Borussia Dortmund verglich er 2014 bei Sky Sports das Spiel von [Arsène Wengers Arsenal](https://www.feverpitch.de/arsene-wenger-bremst-klopp-euphorie-ein-trainer-allein-rettet-deutschen-fussball-nicht/) mit einem Orchester und sagte, er selbst möge lieber Heavy Metal. Laute Musik also. Die erwarten die Fans jetzt auch von der Nationalmannschaft: Gegenpressing, hohes Tempo, eine weit vorn stehende Viererkette, schnelle Flügelspieler wie Karim Adeyemi und Kevin Schade. Wer so spielt, kassiert Konter, und die Umfrage sagt dazu: geschenkt.

Die Einwände dagegen sind gut. Charlotte Bruch hat im Tagesspiegel gewarnt, die Nationalmannschaft könne zum Sichtungslehrgang werden, und es sei „utopisch“, in zwei Wochen mit vier Spielen und so viel Personal einen neuen fußballerischen Ansatz zu entwickeln. Sie hat recht. Zwischen dem ersten Training am Dienstag in Herzogenaurach und dem Anpfiff in Amsterdam liegen zwei Tage. Pressing, das nicht eingeübt ist, sieht aus wie Hinterherlaufen, und gegen die Niederlande kann daraus schnell ein Debakel werden. Klopp nennt das wohl "geplantes Chaos".

Nur verlangt das Publikum den fertigen Klopp-Fußball ja gar nicht am Donnerstag. 86,1 Prozent trauen dem verjüngten Kader zu, in drei bis vier Jahren wieder international konkurrenzfähig zu sein, und Klopp selbst will seine Spieler darauf vorbereiten, „in den nächsten zwei, drei Jahren in der Spitze dabei“ zu sein. Das ist die Frist. Was die Fans bis dahin sehen wollen, ist die Richtung: Eine Niederlage, in der Deutschland nach vorn spielt, verzeihen sie ihm. Ein 0:0 mit zehn Mann hinter dem Ball verzeihen sie ihm nicht.

Wie groß dieser Vorschuss ist, zeigt der Wettbewerb selbst. 2022 hielten 24,4 Prozent die Nations League für sinnvoll, heute sind es 47,6 Prozent im Bundesliga-Barometer. 63,2 Prozent wollen sie in den Medien verfolgen, vor vier Jahren waren es 43,0 Prozent. Am Modus liegt das kaum, den finden weiterhin 59,5 Prozent zu kompliziert. Es liegt wohl am Trainer: 84,7 Prozent hoffen, dass mit Klopp die Image- und Sympathiewerte der Nationalmannschaft steigen.

Sympathie gewinnt eine Nationalmannschaft mit Spielen, bei denen keiner umschaltet. Das Versprechen, alle vier Spiele zu gewinnen, verlangt deshalb niemand von Klopp. Deutschland erlaubt ihm in Amsterdam sogar die Niederlage, solange sie nach Heavy Metal klingt.