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# Fahne holen reicht nicht
- URL: https://www.feverpitch.de/fahne-holen-reicht-nicht/
- Published: 2026-09-27T04:06:33.000Z
- Updated: 2026-09-27T04:09:10.000Z
- Description: Zur Übernahme der Herren-Nationalmannschaft durch Jürgen Klopp die Kolumne von Christian Prechtl.
- Author: Christian Prechtl

Wegen des ganzen Geschreis und der Hysterie um Jürgen Klopp hab ich mich erst kaum getraut, überhaupt was zu sagen. Das sind ja Zustände wie in der Politik, wo schon immer viel durcheinandergeredet wurde, wo aber mittlerweile – im Grunde genommen – Dekrete hermüssten, die jedwede Äußerung in digitalen Medien und vor allem in den Sozialmedien mit drakonischen Strafen bewehren und nur noch in, sammermal, fünf gedruckten, altehrwürdigen Zeitungen wie FAZ, SZ, NZZ (Schweizer Ausgabe), Zeit etc. überhaupt politische Äußerungen und Kommentare gestatten. Talkshows mit Ausnahme von Lanz natürlich komplett verboten. Nicht auszuhalten, wie allüberall mit linkem und rechtem Antisemitismus und allem möglichen und unmöglichen Irrsinn rumgeballert wird. Aber die Menschen sind eben nun mal – da beißt, um es mit dem alten Eurosport- und DDR-Sportkommentator Dirk Thiele zu sagen, „die Maus kein Faden ab“ – in ihrer überwiegenden Mehrheit unfassbar dumm.

## Die Weißen Riesen?

Nun aber doch zum Sport, zum Fußball, zum neuen Bundestrainer und der deutschen Nationalmannschaft, für die ich im Rahmen einer vor etlichen Jahren mal virulenten Debatte über Nationalmannschaftsspitznamen „Die Weißen Riesen“ vorgeschlagen habe. Glücklicherweise kam ich damit nicht durch, denn was da im ersten Spiel der Ära Klopp an deutschen Nationalspielern auf dem Platz stand, das als Riesen zu bezeichnen, wäre höchstens als mittelmäßige Ironie durchgegangen. Eigentlich saßen sie ja mehr, als das sie standen. Bambi Musiala schon beim Aufwärmen kaputt, Eselzüchter Havertz nach 30 Minuten erst gesessen, dann raus, Adeyemi bei jeder Gegnerannäherung auf weniger als ein Meter sofort die Hände ins Gesicht und schreiend zu Boden, da war ja selbst der rattengesichtige Inzaghi einst ein Waisenknabe dagegen. Selbst Torwart ter Steegen bei leichtester Feindberührung fallsüchtig, auch wenn das erste Holländertor nun ja offenbar wegen Abseits‘ aberkannt wurde. Wahrlich nicht grade riesig, das.

Wem ich aber schon immer höggschden, geradezu riesigen Respekt entgegenbringe, das sind Trainer, die auch im Ausland reüssieren. Dort, wo sie nicht in ihrer Muttersprache arbeiten können. Ewiger Spitzenreiter in diesem meinem Respektranking ist Jupp Heynckes, wie er einst nach Spanien ging, Bilbao und Teneriffa erst, dann nochmal Bilbao, nicht zu vergessen Madrid. Damals habe ich in Spanien quasi vor Ort mitbekommen, wie „Don Jupp“ anfangs rotgesichtig rumradebrach und allmählich immer besser Spanisch lernte, natürlich immer mit härtestem niederrheinischen Akzent. Und wie erfolgreich er war, und wie viel Respekt ihm die Leute entgegenbrachten. Das war sehr eindrucksvoll.

## Gute Laune reicht nicht

Auch Jürgen Klopp feiere ich dafür, wie er in Liverpool die Menschen eingefangen hat. Wie er alle angesteckt hat mit seiner Art. Englisch konnte er zwar von Anfang an deutlich besser als Jupp Heynckes Spanisch, aber es ist trotzdem was ganz anderes als seine Muttersprache. Geile Show hat er da abgezogen, das muss man absolut anerkennen, und da können auch die schrecklichen Porzellanzähne und die ganze Werbung und die manchmal unfassbar penetrante Art überhaupt nichts dran ändern. Und auch die Tatsache nicht, dass dieses Bild von Klopp als Menschenfänger zwischenzeitlich arg abgedroschen daherkommt. Gültigkeit besitzt es ja zweifellos auch heute noch.

Als deutscher Nationaltrainer hat er es einerseits zu Beginn ziemlich leicht gehabt – denn eigentlich reicht es ja schon, wenn die Jungs wieder ein bisschen bessere Laune haben im Nationaltrikot. Das war beim Nagelsmann nicht anders, und beim Hansi auch. Sind ja wenn auch keine Weltstars, so aber doch sehr ordentliche Fußballer im Team, für ein gehobenes Mittelmaß reicht das mit begrenzter Haltbarkeit allemal.

Nur: Mittelmaß reicht uns nicht. Wir wollen mehr, und zwar für sehr lange Zeit. Und so hat Klopp gleich mal nicht nur gute Laune verbreitet sondern im selben Atemzug, ganz Klopp, einen rausgehauen, mit dem er die Fußballmenschen aller Klassen sofort eingefangen hat. „Die Fahne zurückholen“ will er. Geiler Sager. Wer auch immer den erfunden hat, Klopp, Kosicke, ein ganz anderer – Kompliment dafür.

Lieber wärs mir freilich noch, er würde uns den Weltpokal zurückholen.